Im Anfang war, wie könnte es anders sein, die Französische Revolution. 1795 griff sie nach Norden aus, die Oranier flüchteten sich ins Exil. Drei Jahre später proklamierten Hollands Patrioten die Batavische Republik - eine der vielen "Schwesterrepubliken" des neuen Frankreichs. Und wie der Pariser Konvent die Galerie des Louvre für die Nation geöffnet hatte, so erklärten die batavischen Republikaner im Mai 1800 fünf Säle des Haager Schlosses Huis ten Bosch, vollgestopft mit 200 Exponaten, ebenfalls zur "Nationale Konst-Gallerij". Ein Museum war gegründet, das eins der schönsten Europas werden sollte: das Rijksmuseum, heute Amsterdam.

200. Geburtstag also, irgendwie. Und da, wieder nach dem Vorbild in Paris, auch hier das große Renovieren und Umbauen begonnen hat (das sich noch einige Jährchen hinziehen wird) und da man zudem, wie auch viele Museen hierzulande, ein bisschen privater geworden ist und also sehen muss, dass die Kassa stimmt, zeigt das alte Haus jetzt einmal so richtig, zu welch ausstellungszirzensischer, tourismusstimulierender Höchstleistung es bei guter Stimmung fähig ist. Nach mancherlei Vorübungen, der fidelen Jan-Steen-Revue 1996 zum Beispiel oder der großen Stilllebenschau im vergangenen Jahr, hat man die ganze obere Etage ausgeräumt, um in 23 Sälen und Kabinetten Platz zu schaffen für den Glanz des Goldenen Jahrhunderts. Eine wahre Kunst-Gala mit, versteht sich!, 200 Katalognummern, die von Rembrandt, Vermeer, Frans Hals bis Ruisdael, Kalf, Terborch (fast) keinen Meister auslässt, der Hollands Malerei im 17. Jahrhundert zur Epoche machte. Hinzu kommt eine Auswahl Kunstgewerbe, hinzu kommt vor allem ein kostbares Grafik-Kabinett.

Einige Millionen Gemälde sollen zwischen 1600 und 1700 in Hollands Ateliers entstanden sein. Das gouden eeuw ist ein schwer fassliches Phänomen, das sich mit der poetischen Formel von der "wirtschaftlichen Blüte" allein kaum erklärt. Die Bildersucht, die Hollands Wandschmuckproduktion zu einem beinahe internetmäßig boomenden Gewerbezweig machte, war wohl Ausdruck eines ganz eigenen Lebensgefühls, entsprang dem Wunsch nach Selbstversicherung inmitten einer neuen, bürgerlichen Welt, die man sich gegen die überkommene klerikale Ordnung, gegen die alte Adelsgesellschaft schuf. Eine kurze, intensive Phase - der eigentliche Triumph der holländischen Malerei, die mit Beginn des 18. Jahrhunderts und der Erneuerung einer höfisch orientierten Kunst allmählich in einen süßlichen Dämmerschlaf fiel, aus dem sie erst im 19. Jahrhundert die Impressionisten wieder weckten, neue Meister wie Breitner, Weissenbruch oder Gabriël.

Man mag sich fragen, was uns heute an diesen Bildern so reizt, was vor Jahren schon die große Frans-Hals-Ausstellung in Haarlem oder gar 1996 die Haager Vermeer-Schau in Massenaufläufen fast untergehen ließ. Sind es die Motive, ist es die radikale Abkehr von Göttern, Helden und Heiligen hin zu den unscheinbaren Menschen und alltäglichen Dingen, zu Brauern und Bauern, Bürgersfrau und Magd, zu Kücheninterieur und Gemüsestillleben, Dorffest und Familienkrakeel? Ist es dieser geradezu popverdächtige Spaß am Diesseits respektive Lust auf Now? Oder ist es doch eher das Vanitasgeflüster vieler Bilder, Tautropfen am glühenden Tulpenkelch, Wolkenberge über weitem Land, das den Zeitenwenden-Melancholiker in uns lockt?

Wahrscheinlich liegt die Faszination tiefer. Es ist der scharfe Blick, der sich in das Innere der Menschen und Dinge senkt. Es war die Zeit, als die Naturwissenschaft, die Medizin vornweg, mit Schwung in die Materie eindrang. Die Zeit der ersten Mikroskope und anderer neuartiger Messinstrumente. Die Zeit Leeuwenhoeks und Huygens' und des Linsenschleifers Spinoza. Doch dem neuen Selbstbewusstsein, mit dem man sich an das Entziffern des großen Lebensbuches machte, entsprachen alte Zweifel. Es ist just jener Zwiespalt, der uns heute, angekommen beim Kleinstgedruckten dieses Buches, bei Quarks und Genom, nur zu vertraut erscheint.

Schon in einem der ersten Kabinette der Ausstellung (innerhalb jener Haupt- und Staatsgalerie des Museums, die auf die unverrückbare Nachtwache zuführt) wird der Widerspruch der Zeit in einem hinreißenden Ensemble entfaltet: Rembrandts Anatomie des Doktor Tulp (aus Den Haag) und sein erst 1992 vom Rijksmuseum erworbenes Bildnis des Pfarrers Wtenbogaert hängen neben dem Selbstporträt des Jan Lievens aus der schottischen Nationalgalerie in Edinburgh.

Doktor Tulp feiert die Erkenntnis - und wir entdecken zu Füßen des präparierten Leichnams aufgeschlagen das Buch der Natur. Das Gesicht des Toten ist sichtbar, ein bärtiger Mann in den besten Jahren, seltsam ähnlich jenen Herren der Amsterdamer Chirurgengilde, die sich um ihn herum versammelt haben. Es geht in dieser Anatomiestunde nicht nur um den Menschen, die Muskel- und Nerven-Maschine, die Doktor Tulp den Kollegen expliziert, es geht auch um das Individuum: dieses fahle Fleisch auf dem Seziertisch, das sind sie selbst, und sie studieren sich ohne Scheu.