Gibt es Grenzen der Scham? Das Fernsehsexmagazin Wa(h)re Liebe brachte vor einiger Zeit eine Sendung zum Thema Intimschmuck. Ein nackter Mann schlang silbernes Geschmeide um seinen Penis. Eine nackte Frau klemmte sich silberne Ringe über die Brustwarzen. Man sah alles in Großaufnahme, nichts blieb ungezeigt. Der Vorgang wirkte keineswegs sensationell. Einerseits fügte er sich gleichförmig in den sexualisierten Bilderreigen einer Sendung, deren Ziel es zu sein scheint, die letzten Grenzen der Scham aufzuheben. Andererseits ist sie nur die Spitze eines Eisbergs, der in Wahrheit aus Styropor besteht. Unter der Wasserlinie befindet sich fast nichts. Alles ist sichtbar, alles Oberfläche.

Auf dieser Oberfläche, die von den Medien tausendfach gespiegelt wird, sehen wir die krampfhaften Zuckungen einer Gesellschaft, die sich planvoll entblößt. Der Verdacht, all die Fernseh- und Illustriertengeschichten über Rudelbums in Itzehoe oder Seitensprung auf Ibiza seien nichts als Finte und Erfindung, ist unbegründet. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass eine der großen Errungenschaften des bürgerlichen Zeitalters freiwillig aufgegeben wird: die rechtlich geschützte Privatsphäre, die Intimität.

Es gibt Tausende solcher Kameras, manche verkaufen sich gegen Gebühr, alle aber verraten sie das unstillbare Bedürfnis, sich zu zeigen und gesehen zu werden. Sie vermitteln den Eindruck, als wäre unsere Lebenswelt nichts anderes als ein einziges Perpetuum mobile aus Voyeurismus und Exhibitionismus, wobei diese Begriffe irreführend sind, da sie den tadelnden Unterton einer früheren Zeit mit sich tragen. Jeder Gang in einen Bahnhofskiosk, jede Talkshow belehrt einen darüber, dass kein Wunsch die Menschen mehr zu beherrschen scheint, als ihrer Intimität ledig zu werden. Es sind ja nicht nur das Model und der Star, die ihre Brüste, Muskeln und Schenkel vorzeigen, sondern auch die Sekretärin und der Bademeister, die Studentin und der Briefträger, die darauf brennen, sich öffentlich vorzuführen, in welcher Pose und vor wem auch immer.

Andy Warhols Versprechen im Ohr, jeder könne für zehn Minuten ein Star sein, ergreift ein ganzes Volk von Exhibitionisten jeden Strohhalm des Ruhms, sei es als Bewerber um das Gesicht 2000, als Studiogast in einer Psychokrisen-Show oder als Alleinunterhalter vor der Web-Kamera. Die Einschaltquote und das Zählwerk der Homepage beweisen, dass die Mühsal nicht vergeblich war. Wem Tausende oder gar Millionen zuschauen, der kann nicht bedeutungslos sein. Ich werde gesehen, also bin ich.

Die Selbstenhüllungslust hat mit dem Jugendlichkeitskult offenbar nichts zu tun. Als kürzlich der Regisseur Johann Kresnik für die Hamburger Inszenierung von Aller Seelen per Annonce Frauen suchte, die mehr als 70 Jahre alt und bereit waren, nackt auf die Bühne zu marschieren, erhielt er 120 Meldungen.

Norbert Elias schildert in seinem großen Werk Der Prozess der Zivilisation , wie die Intimität entstand und wie sie sich ausdifferenzierte, wie die Schamgrenzen feiner gezogen und wie sie kontrolliert wurden. Er zeigt es an den immer aufwändigeren Ritualen des Essens; an der Verpönung leiblicher Äußerungen wie des Rülpsens, Furzens oder Schnäuzens; an dem wachsenden Bedürfnis, die Intimität des Körpers dem öffentlichen Blick zu entziehen. Er macht klar, wie und weshalb mit dem Beginn der Neuzeit die Opposition von Innen und Außen, von Intimität und Öffentlichkeit entstand und wie dieser Vorgang verinnerlicht wurde. Elias spricht vom "Selbstzwang", also dem zumeist unbewussten Auf- oder Verschieben unmittelbarer Triebbefriedigung. Als Ursache erkennt er die Zunahme der Arbeitsteilung, die immer mehr Menschen voneinander abhängig macht ("Interdependenzketten") und sie dazu veranlasst, die Formen des Umgangs miteinander zu reglementieren.

Die Zivilisationstheorie von Norbert Elias erklärt noch immer, obwohl sie aus den dreißiger Jahren stammt, ziemlich gut das spannungsgeladene Verhältnis von Öffentlichkeit und Intimität. Der Gedanke, dass es die Würde des Menschen verletze, wenn es ihm verwehrt sei, mit sich selber allein zu sein (der Einwand wurde gegen die Big-Brother -Serie erhoben), ist eine Folge des Zivilisationsprozesses und versteht sich nicht von selbst. Philippe Ariès bemerkt in seiner Geschichte der Kindheit: "Tatsächlich wurde bis zum Ende des 17. Jahrhunderts niemand je allein gelassen." Erst danach entstand der Bezirk des Privaten. Die Räume, in denen man sich entkleidete, sich wusch, in denen man schlief oder wo man urinierte, wanderten, wie Elias sagt, "hinter die Kulissen".