Montag. Es ist stockfinster und totenstill. Im Lichtkegel der Taschenlampe steht ein hutzliger Mann um die Sechzig. Kugeliges Gesicht. Kirgisenaugen. "Gennadii", sagt der Mann und leuchtet auf seine Brust. Gennadii ist der wohl wortkargste Bewohner Tschagortas, einer kleinen Siedlung in Kalmückien, die ich nach sechstündiger Fahrt durch die Steppe erreicht habe. Aber was will man nachts um zwei auch schon sagen. Forschen Schritts führt mich Gennadii zu seinem Haus. Ein Geruch nach Hammel hängt im Flur. Gummischuhe und Einmachgläser stehen herum. Eine Katze verschwindet hinter einem Vorhang. Fremder, hier die Schlafkammer - Gennadii zeigt auf das Bett, legt sich selbst auf die Pritsche gegenüber und knipst das Licht aus. Sechs Stunden später. Am Frühstückstisch starren mich die Fettaugen einer Hammelfleischbrühe an. Im Dampf der klaren Suppe liegt ein dicker Knochen. Willkommen in Kalmückien.

Ich laufe durch die breiten, staubigen Straßen Tschagortas mit ihren knietiefen Löchern. Irgendwo links taucht ein langes Gebäude auf, an dessen Eingang ein paar Kalmücken stehen. Sie schauen, als hätten Marsmenschen ihr Land betreten. Die gleichen neugierigen Gesichter wie gestern am Flughafen in Wolgograd: Zur Begrüßung war der Präsident der kalmückischen Region Zelinnyi, Sascha Kekeschkeew, mit einer adrett gekleideten Delegation und Polizeieskorte vorgefahren.

Donnerstag. Seit zwei Tagen sind wir unterwegs. Seit zwei Tagen tobt die Steppe. Unser Feind ist der Sturm. Er färbt den Himmel schwefelgelb, fegt den Sand in Nase, Mund und Ohren und heult wie ein Kojote. Badma sagt, dass sich das Wetter bald ändern werde. Badma ist mein kalmückischer Reisebegleiter. Ein junger, hübscher Mann mit göttlicher Gelassenheit und dem Kurzhaarschnitt eines Novizen. Außer ihm erinnert in dieser endlosen Landschaft nichts daran, dass wir uns in einer buddhistischen Republik befinden, die zur Russischen Förderation gehört, zwischen dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus liegt und auf riesiger Fläche nur 350 000 Menschen zählt.

Kilometer um Kilometer scheinen wir uns dem Geflecht der Welt zu entziehen. Auch Medan liebt das weite Nichts. Einmal rennt er einfach los, wird schneller, immer schneller. Und plötzlich beginnt er zu wiehern. Laut und kräftig. Es ist ein glückliches Wiehern.

Freitag. Sie nennen es Hymne auf die Tulpe. Jedes Jahr wird dieses Fest gefeiert. Mitten in der Steppe. Dort, wo sich im April die olivgrüne Landschaft in ein Meer roter Tulpen verwandelt. Schon von weitem sind die Jurten zu sehen, weiße Zelte, vor denen zwei buddhistische Mönche beten. Das Fest ist den Kindern Kalmückiens gewidmet. Es ist das Hoffen auf eine bessere Zukunft mit viel Regen, denn die Steppe verwüstet. Was hier wächst, zerbröselt im Nu zu Staub. Den Mönchen folgen Maskentänze.

Und dann wird es bukolisch und burlesk: Ich sitze in der Präsidentenjurte beim Festmahl mit viel Fleisch und Kartoffeln und auch viel Wodka. Alle fünf Minuten steht ein Herr mit goldenem Gebiss auf und zeigt auf jemanden in der Runde, der ebenfalls aufstehen und kurz über das Leben räsonnieren muss. Darauf einen Wodka. Die Zungen werden locker, die Augen glasig. Irgendwann gieße ich mir heimlich nur noch Wasser ein. Vor dem Zelt liegt der Erste am Boden.

Nach drei Stunden sieht es aus, als drehe Monty Python eine Parodie auf das Jurtenleben und die Wiederkehr des Ajuka Khan. Der Nomadenführer kam im frühen 17. Jahrhundert aus Tibet in die Region nahe der Wolga. Die Kalmücken, in alten Schriften als Oyrats bezeichnet, hatten im 14. Jahrhundert ihre Herrschaft über die Mongolei bis nach Turkestan, das heutige Zentralasien, und Tibet ausgebreitet. Ajuka Khan erkannte die Oberherrschaft des Zaren an, erhielt eine beschränkte Unabhängigkeit. Tausende Kalmücken starben im Zweiten Weltkrieg, als die Russen sie nach Sibirien deportierten. Man warf ihnen vor, mit den deutschen Invasoren kollaboriert zu haben. 1957 kehrten die Überlebenden in ihre Region zurück. Chruschtschow entschuldigte sich bei ihnen. Heute besinnen sich die Kalmücken wieder auf ihre buddhistische Tradition.