Peter Handke ist ein unpolitischer Schriftsteller. Seine Leser kennen ihn von vielen gemeinsamen Wanderungen durch den slowenischen Karst, das spanische Hochland, die Pariser Vorstädte und hoch hinauf auf den Mont Sainte-Victoire. Nie begab sich dieser Dichter ins Zentrum seiner Zeit, mitten hinein in die großen Städte, die großen Debatten. Er nahm nicht teil an der Kommentierung der Welt und der Ereignisse.

Und so kam es, dass ein unverständiges Staunen, ein Entsetzen durch die Gemeinde der Leser ging, als der Dichter im vorletzten Krieg durch das Kriegsgebiet wanderte und seine Beobachtungen und haarsträubenden Kommentare hernach in der Zeitung, später bei Suhrkamp nachzulesen waren. Wie sollte man begreifen, dass der Sänger der Karstwinde und des Gesteins, der Priester der unschuldigen Kreatur und des Friedens scheinbar unvermittelt für die Krieg führenden Serben eintrat? Ja, sogar den Beschuss von Sarajevo rechtfertigte und die auf die Stadt schießenden serbischen Freischärler mit Indianern verglich, die um ihre Freiheit ringen?

Die Frage, ob die Kriegsbücher Unfall oder Prinzip der Poetik dieses weltverlorenen Dingdichters sind, ist im Lärm des Bosnienkrieges untergegangen. Doch dann gab es wieder einen Krieg, und wieder reiste Handke für ein paar Tage nach Serbien, wieder erzählte er in der Zeitung von seiner Reise, und siehe, es ist wieder ein Buch daraus entstanden. Es trägt den zartrosa Titel Unter Tränen fragend, der nicht hält, was er an Mitgefühl verspricht.

Noch einmal lobt der Dichter die serbische Propaganda im Fernsehen, die "etwas Naturgewachsenes sein könne", hält Andacht in einem Land, das ihm während des Kosovokrieges "zu einem einzigen, stummen, umso mehr aber verkörperten Gebet geworden" ist, stärkt sich mit serbischen "Vorosterhühnern", kostet vom "erztrüben Eigenbauwein" und vermerkt, dass die Nato-Bomben immerhin den heilsamen Effekt haben, die serbische Jugend von Coca-Cola und McDonald's zu kurieren. Wieder werden die Reporter, die aus dem bombardierten Belgrad berichten, rowdymäßig abgetan, als "Westkriegsblitzmädel", "Schlammfeder" oder "Giftschlammschmeißer" denunziert, wieder werden ihre Reportagen zum "Schrieb" degradiert, die mit der naturgewachsenen serbischen Propaganda genauso wenig mithalten könnten wie mit den eigenen Notaten.

Ist dies doch alles Unsinn, so hat es doch Methode. Man muss nur die Blickrichtung ändern und die seltsamen wirklichkeitsfernen Wortmeldungen des Serbienfahrers nicht länger als Kommentar zum Krieg, nicht einmal als Reisejournal verstehen oder missverstehen. Als solche sind sie ohnehin ziemlich unbrauchbar. Man sollte die vier Bücher zum Balkankrieg - Abschied des Träumers vom Neunten Land, Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina, Sommerlicher Nachtrag zu einer winterlichen Reise und Unter Tränen fragend - so verstehen, wie Handke sie uns an den Kopf knallt: als vier Wackersteine zu seinem Gesamtkunstwerk einer geopolitischen Ästhetik.

Das Märchenland, das Ursprungsland, nach dem die Sehnsucht des Dichters auch in diesen Büchern geht, ist in der Sprache der Politik gesprochen, das alte, ungeteilte Jugoslawien, die Heimat seiner slowenischen Mutter, in der sich Handke "als Fremder wie nirgends auf der Welt zu Hause gefühlt" hat. Aus dieser kindlichen Erfahrung leitet er die Vorstellung von der "selbstverständlichen großen Einheit" Jugoslawiens ab, die er auch geologisch bestätigt sieht in dem Karstkalk, der sich von dem Berg Trtelj nördlich von Triest hinab über die gesamte dinarische Platte zieht. Im Grunde sind die Kriegsbücher, die von diesem Wunschdenken des Kärntner Knaben erzählen, verspätete Kinderbücher, ist Serbien nach der Logik des privaten Lebens der letzte Statthalter des blauäugigen Glücks. In der Sprache der Politik und des Journalismus nennt der Leitdichtler das: "Inbild der stillen und friedlichen Mitte des europäischen Kontinents".

Er hat den Ort gefunden, wo ihm auf Erden zu helfen war