Ankara/Istanbul

Es ist die erste Begegnung zwischen Cem Özdemir und Mustafa Kemal Atatürk, dem türkischen Staatsgründer. Atatürk steht nur wenige Meter von Özdemir entfernt, leicht erhöht vor dem Rednerpult des Parlaments. Über Lautsprecher ist seine Rede zu hören, schrill, schnell, mit fanatischem Tremolo. Auf den Holzbänken saßen vor 80 Jahren die Abgeordneten der ersten Nationalversammlung und lauschten ergriffen. Heute sind die Reihen frei, so leer wie der Gesichtsausdruck des großen Atatürk, der in Wahrheit sehr stumm dasteht, weil er in Wachs gegossen ist, wie die Figuren aus dem Kabinett der Madame Tussaud. Cem Özdemir lässt die gespenstische Götzenverehrung im Museumsparlament zu Ankara ein paar Minuten auf sich wirken, dann wendet er sich ab und sagt: "Dies muss man gesehen haben, wenn man die Türkei richtig verstehen will."

"Cem Özdemir, Germany", so steht es auf dem Namensschild, das an seiner Brusttasche klemmt. Um ihn herum dunkle Anzüge und rote Fahnen. Dieser Sonntag ist ein besonderer Tag, für die Türkei und für Cem Özdemir. Die Türkei hat zum 80-jährigen Jubiläum ihrer ersten Parlamentssitzung Gäste aus aller Welt eingeladen. Und Özdemir darf Bundestagspräsident Thierse vertreten. Der Sohn türkischer Einwanderer als Repräsentant Deutschlands in Ankara - das kitzelt sogar den in binationalen Verirrungen geschulten Özedemir. Ein Spiel? Für viele Türken durchaus eine Provokation.

Auf seinem Schoß liegt die türkische Presse, Sabah, Milliyet, Turkish Daily News. Die Kolumnisten fiebern dem Fußballspiel von Galatasaray Istanbul entgegen, manche auch dem neuen Staatspräsidenten. Cem Özdemir sitzt im Flugzeug, Platz 1 A. Economy-Class war gebucht, aber der Stationsleiter der Turkish Airlines verfügte sofort ein Upgrading. In der zweiten Reihe sitzen zwei kurz geschorene, breitschultrige Männer, ihre Pistolen liegen eingetütet im Cockpit, die Munition bleibt "am Mann". Cem Özdemir reist immer zu dritt; Gefährdungsstufe 3 A, heißt es beim BKA. Özdemir blättert, erzählt zu jedem Kolumnisten eine Geschichte. Dann zieht er aus seiner Aktentasche die gestrige Ausgabe der Hürriyet und übersetzt den Seite-eins-Artikel, der ihn mit perfidem Unterton als Frauenheld darstellt. "Das ist mein Alltag", sagt er, bemüht um ein souveränes Lächeln.

Vielen Türken gilt er als vaterlandsloser Gesell

Deutschland nimmt von solchen Angriffen keine Notiz. Es kennt Özdemir als Sympathieträger, als Botschafter für das friedliche Zusammenleben mit der großen türkischen Minderheit. Am modrigen rechten Rand wird er verachtet, beschimpft, von manchen auch bedroht. Aber bis hinein ins konservative Lager genießt "der grüne Herr Ötzdemeier", wie ihn der CSU-Rechtsaußen Wolfgang Zeitlmann nennt, eine fast überparteiliche Anerkennung. Wer weiß schon, dass die Türken ihn kritischer sehen? Dass er vielen als vaterlandsloser Gesell gilt, ja als Verräter an der türkischen Sache?

In Ankara regnet es, ununterbrochen. Ein Termin jagt den anderen, oft stehen die Autos nicht bereit, und Özdemir muss sich mit seinem Begleiter und dem schmaleren der beiden Bodyguards auf die Rückbank quetschen. Viel Grund für schlechte Laune, er könnte jetzt auch in seiner Neuköllner Dachgeschosswohnung sitzen und mit Freunden Ostern feiern. Aber Özdemir lässt sich nichts anmerken. Er ist, wie man ihn kennt: freundlich, bescheiden und doch hoch professionell im Umgang mit den Medien, bestimmt und hart in der Sache, aber nie mit dem Kopf durch die Wand. Wie kann man diesen Menschen nicht mögen? Dass sich ein Teil der türkischen Presse auf ihn eingeschossen hat, bestätigt viele in ihrem Verdacht, dass bestimmte Kreise den 34-jährigen Politiker mit allen Mitteln demontieren wollen.