Viele Frauen kennen diesen Moment des Erschreckens: Schon Ende des Monats, und in der Pillenschachtel finden sich noch immer einige der kleinen Tabletten - dort, wo sie eigentlich schon lange nicht mehr sein sollten. Die Gründe dafür sind so zahlreich wie die Überlegungen, jetzt doch noch kein Kind zu wollen: auswärts übernachtet, am Wochenende zu lange geschlafen oder schlichtweg vergessen, das Ding in der morgendlichen Hektik zu schlucken.

"Sorgenfreie und sichere Empfängnisverhütung ohne tägliches Pilleschlucken - ein Wunsch vieler Frauen". Mit diesem Slogan wirbt die Vertreiberfirma Nourypharma für ein Produkt, das schon bald auf den deutschen Markt kommen soll. Sorgenfrei und sicher. Was sich hinter diesem schönen Versprechen verbirgt, heißt Implanon und klingt zunächst gut. Implanon ist ein vier Zentimeter langes und zwei Millimeter dünnes Stäbchen, das vom Frauenarzt am Oberarm knapp unter der Haut implantiert wird und wie eine langfristig in den Körper eingebaute Minipille funktioniert. Im Gegensatz zur klassischen Pille enthält es kein Östrogen, sondern entlässt drei Jahre lang kleinste Mengen eines Gelbkörperhormons (Gestagen) - ganz von selbst und schön kontinuierlich. Da kann nichts mehr verschlampt oder vergessen werden.

In Deutschland haben bereits mehr als 9000 Gynäkologen für die Markteinführung trainiert. An "Übungsarmen" probten sie den Eingriff, damit später bei echten Patientinnen nichts mehr schief geht. Schulungszertifikate weisen diese Ärzte als Implanon-geübte Frauenärzte aus. Doch der ursprünglich für Mai 2000 geplante Erstverkaufstag in Deutschland wurde kurzfristig auf Sommer oder Herbst verschoben. "Zu große Nachfrage in den Nachbarländern", entschuldigt sich die niederländische Herstellerfirma Organon.

In den Niederlanden ist das Verhütungsstäbchen seit 1998 auf dem Markt, mittlerweile ist es auch in Großbritannien, Belgien, der Schweiz und Österreich erhältlich. Allein in Österreich hat sich Implanon seit Jahresbeginn bereits knapp 5000-mal verkauft. "Mehr, als wir erwartet haben", so die Organon-Produktmanagerin in Österreich. Frauen bezahlen dort für eine Implantation durchschnittlich 700 Mark. Was zunächst nach einer teuren Verhütungsmethode klingt, ist bei näherer Betrachtung sogar geringfügig billiger als die monatliche Pillenration - vorausgesetzt, das Implantat bleibt auch drei Jahre unter der Haut. Zwei Drittel aller Frauen nutzen diesen Zeitraum voll aus, ergab eine Studie, die in der aktuellen Ausgabe des Medical Bulletin der International Planned Parenthood Federation veröffentlicht ist. 8 Prozent der Frauen dagegen hatten das Implantat vorzeitig entfernen lassen, weil sie eine Schwangerschaft planten, zwanzig Prozent brachen die Stäbchenverhütung ab, weil sie zu Menstruationsbeschwerden oder anderen Nebenwirkungen führte.

Denn als Hormonpräparat weist Implanon genauso Nachteile und Nebenwirkungen wie alle anderen Methoden hormoneller Verhütung auf. Die Wirkung der in Implanon enthaltenen Gestagene besteht darin, den Eisprung zu hemmen und den Gebärmutterschleim für Spermien zu blockieren. Dies kann aber auch zu unregelmäßigen Zwischenblutungen führen, da die Gebärmutterschleimhaut, anders als bei östrogenhaltigen Pillen, nicht durch eine monatliche Blutung abgestoßen wird.

Alle bisherigen Erfahrungen zeigen, dass Frauen auf das Gestagenprodukt ganz unterschiedlich reagieren: Manche bekommen kürzere, schwächere und extrem unregelmäßige Blutungen, bei anderen bleibt die Menstruation vollkommen aus. Als Nebenwirkungen können außerdem Kopfschmerzen, Brustspannen oder Depressionen auftreten - wie bei der Antibabypille. Akne hingegen wurde ein wenig häufiger, nämlich bei 14 Prozent der Frauen, beobachtet. Roland Kusatz, Gynäkologe aus Oberösterreich, rät deshalb, "erst die Dreimonatsspritze zu verabreichen, um die Verträglichkeit in puncto Haut und Depressionen zu testen".

In Österreich tastet sich die Gynäkologenschaft "vorsichtig und abwartend" an das Präparat heran. Das Medienecho war groß, die Nachfrage bei den Patientinnen auch - besonders bei den jungen, pillenmüden Frauen. Die wollen sich mit Hilfe von Implanon ein lästiges Problem endgültig vom Hals schaffen, finden extragenitale Verhütungsmethoden oft "mühsam". "Das Implantat hingegen finden sie so chic wie Tattoos oder Piercing", konnte Gerhard Hochmaier, Bundesfachgruppenobmann für Frauenheilkunde, bei seinen Patientinnen beobachten. "Bis jetzt sind noch keine gravierenden Probleme aufgetaucht", sagt Hochmaier - und fügt hinzu: "Dafür ist das Produkt aber noch zu kurz auf dem Markt." Gerade für jüngere Frauen ist Vorsicht angesagt. Denn ein Streitpunkt bleibt: Wie wirkt Implanon auf den natürlichen Östrogenhaushalt von Frauen?