Hinter ihrem Schreibtisch hängt eine Liste an der Wand. Links ist der Studienbeginn, rechts die Semesterzahl der Studenten notiert. Bei mehr als 12 Semestern wird Astrid Steger aktiv: Sie schreibt Briefe, lädt zum Gespräch in ihr Büro ein, will wissen, wieso das Studium so lange dauert. Wer nicht kommt, dem telefoniert sie solange hinterher, bis sie ihn am Apparat hat.

Mehrere Nebenjobs, kein Draht zum Professor, Angst vor Prüfungen und dem Danach: Astrid Steger weiß, es gibt viele Gründe, die ein Studium verlängern - aber nur wenige Menschen an der Massenuniversität, die sich wie sie dafür interessieren. Man studiert vor sich hin, und wenn sieben Jahre um sind, kommt vielleicht ein Brief vom Prüfungsamt, in dem etwas von Strafgebühren drinsteht.

Mit dem Modell, das im Wintersemester 93/94 startete, reagierten die geisteswissenschaftlichen Fakultäten auf die viel beklagte Studienmisere: überlange Studienzeiten, fehlende Berufsperspektiven, Abbrecherquoten von bis zu 80 Prozent. "Das ist eine Zahl, mit der keine Uni leben darf", sagt Astrid Steger. Statt nur darüber zu klagen, haben sich in Bochum drei Professoren fürs Handeln entschieden. Sie suchten sich ein junges Team zusammen und heckten eine Reform aus. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Steger war von Anfang an dabei, hat bereits bei der Antragstellung ans Ministerium mitgewirkt. Eines war von vornherein klar: Es ging nicht um eine Revolution. "Wir wollten den alten Magisterstudiengang nicht völlig ändern." Sie wollten ihn "studierbar" machen.

Viele Studenten kommen mit dem alten Studiengang nicht zurecht. Bereits im ersten Semester müssen sie sich für ein Hauptfach und zwei Nebenfächer entscheiden, schreiben fleißig Hausarbeiten und nach fünf, sechs Jahren dann die Magisterarbeit - und nur die zählt. Zusammen mit drei mündlichen Prüfungen macht sie die Endnote aus. Auf das Danach bereitet die Studenten an der Universität niemand vor. Anders bei den Studenten im Reformmodell. Sie studieren drei Fächer gleichgewichtig und machen nach sechs Semestern ihren ersten Abschluss, denBachelor (B.A.). Wer will, setzt noch eins drauf, vertieft zwei Semester lang ein Fach und hat dann den Magisterabschluss. Bewerbungstraining, Computer- und Englischkurse und Pflichtpraktika gehören zum Studienplan.

Was dieser Tage in den Debatten um die Studienreform von Hochschulrektoren und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn als Weg aus der Krise der deutschen Universitäten gepriesen wird, war vor sieben Jahren noch ein Novum. "Es gibt in Deutschland kaum eine Uni, der wir noch kein Material über uns geschickt haben", beschreibt Astrid Steger Bochums Vorreiterrolle bei der Einführung gestufter Studiengänge.

Die Vorteile liegen für sie auf der Hand. Denjenigen, denen im Laufe des Studiums die Luft ausgeht, bietet der Bacheloreinen "Ausstieg in Ehren". Zusätzlich bereitet er die Abgänger vor aufs Berufsleben. Für die anderen ist der Bachelor ein Training für die Magisterprüfung und ein Teil der Endnote.

Genauso wichtig wie die Einführung des Bachelor war den Bochumer Reformern von Anfang an die intensive Betreuung und fächerübergreifende Beratung der Studenten, wie man sie von angelsächsischen Hochschulen kennt. Astrid Steger spricht von einer "deutlichen Kundenorientierung, auch wenn man das an der Universität nicht so gerne hört". Jeden Tag ist sie mit ihren Mitarbeitern für die Studenten da. Sie helfen beim Stundenplan, kontrollieren den Studienverlauf - welche Leistungen sind erbracht, welche fehlen? - und bereiten auf das Praktikum vor.