Zum Schluss bleibt nur "Option IV", der gefährlichste Ausweg. Der Flughafen Than Son Nhut liegt unter nordvietnamesischem Beschuss, die Landebahnen sind mit Kratern übersäht. Flugzeuge können dort nicht mehr landen. Allein Hubschrauber versprechen noch Rettung. Bei strömendem Regen starten sie von US-Flugzeugträgern im Südchinesischen Meer in Richtung Saigon. Dort warten die letzten verbliebenen Amerikaner und hochrangige Südvietnamesen verzweifelt auf das Knattern der Rotoren. Rette sich, wer kann, heißt jetzt das Kommando der Weltmacht Amerika. Es ist Dienstag, der 29. April 1975.

Während der Nationale Sicherheitsrat im Weißen Haus in Washington per Telefon und Telex über die Evakuierung wacht, herrscht rund um die US-Botschaft in der südvietnamesischen Hauptstadt Panik. Tausende von Menschen drängen sich an den Zäunen. Amerikanische Marinefüsiliere halten die Menge mit schussbereiten Waffen in Schach oder stoßen sie mit Gewehrkolben zurück. Nur wenige Vietnamesen dürfen zum Landeplatz auf dem Dach der Botschaft. Ein paar Generäle und Senatoren, die Chefs der Saigoner Polizei und Feuerwehr können sich in die Helikopter flüchten.

Böse Ahnungen lasten auf Saigon. Gerüchte von Massakern im Norden des Landes ängstigen und lähmen die Stadt. Nur die Kaltblütigsten nutzen die Stunden der Ungewissheit. Sie plündern die amerikanischen Quartiere und stehlen die Autos, die die Yankees zurückgelassen haben. Götterdämmerung in Südvietnam. Sie hat den Präsidenten des sterbenden Staates zum Schießbefehl animiert - auf die flüchtenden Amerikaner.

Dennoch können über tausend US-Bürger und fast sechstausend Vietnamesen ausgeflogen werden. Schon 18 Stunden dauert die größte Hubschrauber-Operation der Geschichte. Jetzt wird es auch für Botschafter Graham Martin allerhöchste Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Der Mittwoch dämmert herauf, als der bis dahin so standhafte Diplomat die Flucht antritt. Zur gleichen Zeit gibt Ron Nessen, der Pressechef des Weißen Hauses, den Medien in Washington bekannt: "Die letzten Hubschrauber sind unterwegs" zur Rettungsflotte.

In Vororten Saigons hängen unterdessen bereits die Vietcongfahnen aus den Fenstern. Nahezu kampflos besetzen die Guerillas der kommunistischen Nationalen Befreiungsfront (NLF) und nordvietnamesische Soldaten Straße um Straße. Nur vereinzelt sind Schüsse zu hören. Die Verteidiger resignieren und strecken die Waffen. Viele von ihnen tauschen ihre Uniformen hastig gegen zivile Kleidung. Sie mischen sich unter die Bevölkerung, die den Eroberern ein freudiges Willkommen bereitet.

Eine solche Begrüßung hatte niemand erwartet, selbst die siegesgewissen Kommunisten nicht. Erst Anfang März hatten sie ihre Großoffensive gestartet. Mit 16 Divisionen war der Norden gegen die hoch bewaffnete Armee der Republik Südvietnam vorgestoßen. Blutige Schlachten wurden erwartet, Verteidigung bis zum Äußersten. Aber der Widerstand blieb aus. Schier unaufhaltsam rollte die Eroberungswelle vom Norden heran. Huë, Da Nang, Pleiku, Nha Trang, Bien Hoa - all die berüchtigten Kampfesstätten des vergangenen Jahrzehnts fallen den Angreifern fast ohne Gegenwehr in die Hände.

Um 11.30 Uhr am Mittwoch, dem 30. April, haben die Nordvietnamesen die Herzkammer des Feindes erreicht. T-54-Panzer fahren im Garten des Präsidentenpalastes auf. Kein Schuss fällt, denn die Palastgarde hat sich blitzschnell ergeben. Erst als ein junger Soldat die blau-rote Vietcongfahne mit dem gelben fünfzackigen Stern vom Balkon des weißen Prachtbaus hängt, dröhnen die Panzerkanonen. Aber sie zielen in den Himmel. Ein junger deutscher Journalist ist der einzige westliche Beobachter des letzten Aktes. Börries Gallasch vom Spiegel hat in Saigon ausgehalten und erfährt dafür nun den Dank des seit zwei Tagen amtierenden Übergangspräsidenten Duong Van Minh: "Es ist gut, dass Sie da sind, Sie werden Augenzeuge sein, wenn ich meine Macht denen übergebe, die ihrer würdiger sind als ich." Später, im Saigoner Rundfunkgebäude, stellt der Reporter sein Tonbandgerät für die Aufnahme von Minhs Kapitulationserklärung zur Verfügung; es ist das einzige, das aufzutreiben ist. So wird Gallasch (der 1981 an den Folgen eines Krebsleidens gestorben ist) zum Notar einer historischen Niederlage.