Obwohl unsere Millenniumsfeiern glücklicherweise ein Jahrtausendflop waren, fragen unruhige Herzen noch immer, was sie vom Wesen der Zeit erwarten können, nachdem uns die Stunde geschlagen hat. Schon die Frage zeigt an, dass das metaphysische Grundverlangen der Menschen weder von altkatholischen Zeitphilosophen noch von der evangelischen New-Age-Bewegung ("Meine Zeit schenk ich mir") pünktlich befriedigt wird. Die Uhrenindustrie hat dieser spirituelle Mangelzustand nicht ruhen lassen. Nach langem Zögern hat sich eine in 71148 Bondorf ansässige Manufaktur entschlossen, eine "D-Mark-Jubiläumsuhr" auf den Markt zu bringen, die Fragen nach der geistigen Ökonomie der Zeit dauerhaft beantwortet ("Der Euro kommt, die D-Mark geht"). In "limitierter Auflage" zeigt das Quarzwerk auf seiner erdabgewandten Seite ein zeitlos schönes Zeigerpaar, das in gottgefälliger Demut auf einem D-Mark-Stück seine Runden dreht.

Schwerlich kann man sich darüber hinwegtäuschen, dass die genialen Schöpfer der D-Mark-Uhr auf einen Schlag 2000 Jahre abendländischer Zeitforschung obsolet machen. Alle Spekulationen darüber, ob die Zeit des Menschen sich einem unbewegten Beweger verdankt, der in der Kreisfigur seiner Ewigkeit transzendental zur Ruhe kommt, sind nämlich vom Tisch des Herrn. Geht es nach der D-Mark-Uhr, ist Zeit weder Sein noch Gott. Zeit ist aber auch nicht Geld, wie gewöhnliche Sparkassen meinen. Vielmehr sind (weltliche) Zeit und (deutsches) Geld identisch .

Dafür stellen wir uns einen Börsenjunkie der Generation Golf vor, der einem Aktiencrash beiwohnt. In seiner Verzweiflung erscheint ihm der Vorgang zunächst als Weltuntergang; später zeigt ihm der erlösende Blick auf die einmalige D-Mark-Uhr, wie sehr der Schein trügt. Unser Broker erkennt zeitnah, dass auf dem Kontostand der Ewigkeit Zeit und Geld dasselbe sind - die stürzende Börse war ein temporärer Augenblick in der Ewigkeit der Geldzeit. Oder im DM-Deutsch: Alles wird gut. Solange Zeit ist, wird Geld sein. Und vice versa. Das ist der pekuniäre Gottesbeweis, den die zeitlosen Apokalyptiker einer Deutschen Bank noch immer suchen. Nietzsche hat übrigens den Zeitgeist der D-Mark-Jubiläumsuhr kommen sehen. "Keiner will sie geschenkt, sie muß sich also verkaufen."