Freitagnachmittag auf der A 5, zwischen Kirchheim und Frankfurt am Main, irgendwann im Frühling 2010. Das übliche Bild: Die sechsspurige Autobahn ist rappelvoll, der Verkehr fließt reibungslos. Moritz Hilbert, Sounddesigner bei einem großen amerikanischen Autohersteller in Wolfsburg, und sein Sohn sind unterwegs ins Wochenende, Oma in Frankfurt besuchen. "Zeig doch mal, was die Kiste bringt, Papa", bettelt Jonas, dem auf dem Beifahrersitz langweilig geworden ist - vom Fernsehen im Auto wird ihm schlecht, die Chips sind alle, und seine amerikanische Internet-Freundin hat sich eben abgemeldet, weil die Online-Schule beginnt. Auf Knopfdruck verschwindet sein Flachmonitor im MPD, sprich: Empidi - dem Multi Purpose Desk (als Papa jung war, sagte man "Armaturenbrett"). "Papa? Papa!!"

Herr Hilbert schreckt auf: Er war doch tatsächlich eingenickt. Sibelius am Spätnachmittag - im neuen Firmenwagen dank dieser aktiven Störgeräuschunterdrückung (ASGU) ein echter Hochgenuss, aber eben auch einschläfernd. Blinzelnd versucht Hilbert sich zu orientieren. Berge, frisch grüner Mischwald, Fachwerkhäuschen im Sonnenschein - Vogelsberg? Er reibt sich die Augen und dreht seinen Fahrersessel um 180 Grad in Fahrtrichtung. Zwei Meter vor ihm rollt immer noch dieser Ein-Liter-Lupo dahin, der sich in Hannover eingefädelt hat. Fahrer und Beifahrerin knutschen hemmungslos und lassen jetzt auch noch den Blickschutz hochfahren. Hilbert unterdrückt den Reflex, dem Fahrer einen anzüglichen Kommentar auf den Bildschirm zu schicken. Der Typ hat nämlich schon eines dieser neuen Internet-Adressen-Kennzeichen: ERICH333@BAB.DE. "Glücklicher Erich", seufzt Hilbert neidvoll. Dann starrt er auf seinen Monitor. "Was, schon Friedberg?", staunt er. "In 22 Minuten sind wir bei Oma."

Was ZB bedeuten, weiß seit 2005, seit der flächendeckenden Einführung der satellitengestützten Verkehrsüberwachung, jedes Kind: Wer Tempolimits missachtet, wird automatisch abgebremst. Der Bordrechner ist über das neue europäische Satellitensystem Galileo metergenau über den Standort des Fahrzeugs informiert, kennt alle Straßen und dazugehörigen Tempolimits und empfängt Botschaften von den "aktiven Verkehrsschildern". Hartnäckige können sich kurzfristig regelwidrig verhalten. Allerdings erleben sie schnell ihr blaues Wunder.

Tatjana warnt nur einmal. Wer rast oder im automatischen Koppelverkehr der Comfort-Lane den Autopiloten abstellt, bei wem die AAC (Active Alcohol Control) zwei, drei Schnäpschen nachweist oder wessen Punktekonto in Flensburg überzogen ist, den verpetzt Tatjana (oder Susi oder Jean ...) bei der Verkehrskontrollzentrale TCC in Münster. Von dort kommt ein Signal an den Autopiloten, der ohne Eingriffsmöglichkeit des Fahrers den Wagen auf den nächsten Parkplatz steuert und den Motor abstellt. Ratz, fatz geht das. Starten kann nur ein anderer Fahrer, nachdem er sich mit Fingerprint oder berührungslos mit Keyless-Go-Card ausgewiesen hat. Jonas erinnert sich noch gut an Papas letzte Stilllegung - eine Woche lang Internet-Nachschulung plus Online-Eignungstest plus 2500 Euro hatte der Spaß gekostet.

Frankfurt am Main ist seit drei Jahren autofrei

Es wird dunkel. Frankfurt ist erreicht. Tatjana hatte auf Grundlage ihrer neuesten Stauprognose-Software und einiger nachdenklich stimmender Meldungen weit vorausfahrender TDs (Traffic Detectives) einen Stau beim Nordwestkreuz vorhergesehen und umkurvt. Beim Verlassen der Autobahn hat sie die fällige Maut vom Konto abgebucht, dann auf Nachfrage an Omas Diabetes erinnert und über Internet einen Parkplatz am äußeren Ring geordert.

Frankfurt am Main ist immerhin schon drei Jahre lang autofrei. "18.44 Uhr. Sie sind am Ziel. Frankfurt am Main, Parkplatz Palmengarten." Ziemlich enge Sache, hier einzuparken, findet Hilbert und lässt das Auto neben der Parklücke stehen. Tatjana parkt besser ein als er. Es hatte einiger Monate bedurft, sich dies einzugestehen.