Wer die Festtagsstimmung stört, bezieht leicht Prügel. Diese Erfahrung musste jetzt Udo Ludwig machen, der Konjunkturexperte des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er war an der Abfassung des Frühjahrsgutachtens beteiligt, das die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in der vergangenen Woche publik machten. Da der Tenor des Berichts überaus zuversichtlich ausfiel, herrschte Zufriedenheit rundum. Die Regierung sonnte sich im Lob für ihre strikte Finanzpolitik, die Tarifpartner durften sich über Komplimente für ihre vernünftige Lohnpolitik freuen, dem Bürger wurde stattliches Wachstum verheißen. Und in diesen Optimismus platzte Ludwig mit Kritik an der Lohnentwicklung in den neuen Bundesländern. "Seitdem bekomme ich ständig böse Anrufe", sagt er. Der Ökonom hatte es gewagt, der Freien Presse aus Chemnitz zu Protokoll zu geben, dass nach seiner Überzeugung die von der IG Metall für die neuen Bundesländer ausgehandelte Tariferhöhung von zwei bis drei Prozent zu hoch sei. Seine Begründung: Der Osten dürfe nicht leichtfertig seinen Wettbewerbsvorteil gegenüber der westdeutschen Wirtschaft aufgeben und müsse stattdessen an den niedrigeren Löhnen festhalten. Jeder Lohnzuwachs über der Inflationsrate von 1,5 Prozent ist nach Ludwigs Überzeugung schädlich für die ostdeutsche Wirtschaft.

Diese Meinung missfällt natürlich vielen ganz entschieden. Schließlich sind sich die ostdeutschen Arbeitnehmer einig in der Forderung, dass ihre Löhne und Gehälter endlich an das Westniveau angepasst werden müssen. Auch Rüdiger Pohl, der Chef des IWH, weiß: "Es gibt eine wachsende Ungeduld. Den Leuten ist schwer zu vermitteln, dass sie gleiche Arbeit liefern und weniger dafür bekommen sollen." Pohl (anders als sein Kollege Ludwig ein Wessi) legt aber großen Wert auf die Eigenständigkeit seines Hauses und seiner Mitarbeiter - und er zahlt einen beträchtlichen Preis dafür: wüste Anrufe, zornige E-Mails, sogar anonyme Drohbriefe. Doch es gibt auch Zeichen der Entspannung: Vor Monaten wollte die PDS einen Teil der IWH-Haushaltsmittel wegen angeblicher Inkompetenz des Instituts streichen. Inzwischen ist die Konfrontation zumindest einer Tolerierung gewichen. Und auch Brief- und Mail-Schreiber scheinen sich Pohls Argument, Löhne hätten etwas mit Produktivität zu tun, nicht mehr generell zu verschließen. "Jetzt habe ich endlich kapiert, worum es geht", zitiert Pohl die Rückantwort eines Kritikers.