HOLZIMITAT BRAUCHT NIEMAND - aber dennoch erfreut sich der Stoff, aus dem nicht wenige Träume sind, größter Beliebtheit. Repräsentiert er doch das magische Dreieck der Kleinbürgerlichkeit - Schrankwand, Fernsehgerät, Haustier oder Kinderzimmer. Mit anderen Worten: Stolz, Kultur, Nachkommenschaft. Ersterem ist die vorliegende Kassette gewidmet, die nicht nur wie eine Schrankwand aussieht, sondern auch Schrankwand heißt und sich klöppelnd in bester Low-Fi-Soundqualität mit reichlich fiependen und wuschenden Arkadenklängen an das Durchbrechen der inneren Schrankwände macht.

Wir schalten um in den Begleittext: Symbol für kleinbürgerlichen Selbsthass, Ausbruchsversuch - Zurückgehaltenwerden ... Veröffentlicht wurde dieses erschütternde Klangdokument von Projekt Marx F.-Neu in einer limitierten Auflage auf dem Kassettenlabel Mumien Leckord aus dem kreuzgefährlichen Berlin.

Zu kaufen ist es - ordentlich in eine silbrig fluoreszierende Geschenktüte verpackt - in der Audiogalerie Staalplaat. Dieser Laden in Berlin-Mitte befindet sich ganz in der Nähe von der Sniper Bar, dem ehemaligen Club Berlintokyo, dem Monsterkabinett der letzten lebenden Stahlschrottkünstler und ist von den Auswirkungen des Mitte-Wahns bereits umzingelt: Wer sich dort am Wochenende auf die Suche nach CDs von japanischen Noise-Extremisten machen will, erlebt auf dem Weg dahin touristische Ausnahmezustände.

Staalplaat ist Audiogalerie, Plattenladen, Label und Institution, deren Geschichte irgendwo im Amsterdam der Achtziger beginnt, wo die Staalplaat-Crew im The NL Centre das Hören mit Schmerzen populär machte. Als Label brachte Staalplaat inzwischen mehr als 200 Veröffentlichungen von Künstlern wie The Legendary Pink Dots, Zoviet France, Deutsch Nepal oder Jim O'Rourke heraus, betreibt dazu die Sublabels Korm Plastics, E.R.S., Fire Inc.

und Mort aux Vaches, die in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Radio VPRO die Peel Sessions für Fortgeschrittene schaffen. Und auch wer wegen schwerer Verstöße gegen Hörgewohnheiten bisher seine Demos nicht einmal zurückgeschickt bekam, hat hier die Chance, sein Material über einen Open Circuit zu vertreiben. Rubrizieren lassen sich Laden- und Labelprogramm noch am ehesten unter Etiketten wie Post-Industrial, Plunderphonics, Microwave, Sound Poetry und Ähnlichem - und gewinnen anscheinend an Aktualität, seit Surrogat auf Rock ganz unironisch von Wand durchbrechen singen.

Staalplaat Berlin Audio Galerie, Rosenthaler Straße 38, 2. Hof, 10178 Berlin (Mitte), Öffnungszeiten Di-Fr 14-20 Uhr, Sa 11-16 Uhr Tel. 030/44 34 02 90 Fax 030/44 34 02 91 Internet www.staalplaat.com