Adolf Hitlers Dasein erscheint als der größte Einzelfehler, den die Schöpfung je beging. Alle politisch korrekten Wunschfantasien, die sich an ihm entzünden, sind Auslöschungsfantasien. Das Wort "Wiedergutmachung" erhält hier eine entlarvende Doppelbedeutung: Könnten wir Hitler "rückgängig" machen, wären auch wir wieder "gut". Also aktivieren wir unseren Möglichkeitssinn: Wenn er doch nie geboren worden oder im Ersten Weltkrieg gefallen oder rechtzeitig ermordet worden wäre! Dann wären die Deutschen ein besseres Volk geblieben.

1992 machte ein Buch weltweit Furore, das an Hitler keine Vernichtungsfantasie abarbeitete, sondern eine Fantasie des Beharrens: Vaterland. Was, fragte der englische Journalist Robert Harris, wenn Hitler das Jahr 1945 überlebt und Deutschland den Krieg gewonnen hätte? Wenn sich Deutschland vom Rhein bis zum Ural erstreckte und gegen die Vereinigten Staaten einen Kalten Krieg um die Weltherrschaft führte? Zu den Regeln dieses Gedankenspiels gehört, dass der Holocaust nach 1945 weiterging und nicht sechs, sondern die von Beginn an kalkulierten elf Millionen Opfer forderte.

Zu den Regeln gehört auch, dass der Holocaust 1964 - zu dieser Zeit, in den Tagen vor Hitlers 75. Geburtstag, spielt das Buch - noch nicht "entdeckt" ist.

Die Judenvernichtung ist das Geheimnis, auf dem dieses deutsche Europa ruht.

Bei Harris bleibt der "Teufel" Hitler an der Macht, und Auschwitz hat jenen Status, den die Hölle im Bewusstsein eines Agnostikers hat: Man hat von ihr gehört, aber man möchte lieber nicht wissen, ob sie existiert. Erst ein Sturmbannführer namens Xaver März "entdeckt" den Holocaust

er untersucht eine Mordserie, deren Opfer allesamt Teilnehmer der Wannsee-Konferenz waren.

So wollte das Regime die letzten "Mitwisser" des Holocaust zum Schweigen bringen. Harris' Roman war fast überall erfolgreich, nur nicht in Deutschland. Seine Fiktion lebt von der Ahnung, dass die Deutschen nie den Mut, den Witz, die Wut gehabt hätten, Hitler loszuwerden. Harris suggeriert außerdem, dass die Deutschen Hitlers zentrale Aufträge erfüllt haben: Deutschland ist eine gigantische Wirtschaftsmacht, die slawischen Völker sind verarmt, Europa ist fast "judenfrei".

Jetzt hat Frank Castorf, der Intendant der Berliner Volksbühne, Vaterland gemeinsam mit Stefanie Carp dramatisiert und auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gebracht (in der Berliner Volksbühne wird es vom 27. April an gezeigt). Das Stück ist eigentlich nicht spielbar, aber man durfte sich den 20. April als Uraufführungstermin nicht entgehen lassen. An diesem Tag hätte der "Führer" seinen 111. Geburtstag gefeiert.

Vor ein paar Jahren ist Castorf mit dem Ehrgeiz dessen, der in seinem Leben überall mal gewesen sein will, in die so genannte rechte Ecke getanzt. Er sagte damals, 1995, etwas Bewegung, sprich: ein neues Stahlgewitter oder eine nette kleine Apokalypse, könnten uns nicht schaden. Er erweckte den Eindruck, dass jede Bewegung und jede Marschrichtung ihm lieber seien als unsere Welt aus "Warenhaus, Rentenversicherung und Schmerztablette". Das erinnerte dann doch an die Worte Adolf Hitlers aus dem Jahr 1942: "Dafür werde ich sorgen, dass diese Jugend herumgewirbelt wird. Es muss immer was los sein."

Castorf verschreibt statt Wut nunmehr Schlaftabletten

Wie, fragten sich die Castorf-Liebenden und die Castorf-Hassgemeinde, würde er nun unser Vaterland herumwirbeln? Würde er eine Angst- oder eine Wunschfantasie inszenieren? Doch Castorf arbeitet hier nicht, wie in früheren Fällen, mit Wut, beileibe nicht mit Witz und auch nicht mit Ekel. Er rückt dem Land der Schmerztabletten mit dem Geist der Schlaftablette zu Leibe. Die Zahnrädchen, die bei Harris zuverlässig die Geschichte antreiben und aus der Fabrik des John le Carré zu stammen scheinen (Suspense, Liebe, Protagonisten, durch die man wie durch Quarz hindurchschaut auf die gesellschaftlichen Zustände) - Castorf baut sie aus, lässt sie auf der Stelle rasen. Er erweist sich als ein Albert Speer der Komik. Wenn er einen Kalauer inszeniert, wird daraus der grauenhafteste Kalauer der Welt. Der größte Witz der Geschichte heiße Auschwitz, hat George Tabori gesagt, und in der Hamburger Veranstaltung ahnt man Castorfs Streben, diesen Satz zu inszenieren. So ist Vaterland ein gewaltiges Mahnmal des missglückten Witzes. Der Regisseur zeigt die Nummer von den Clowns, die gar nicht finden wollen, was sie suchen. Auf das schlimmste Verbrechen, das auf Erden begangen wurde, antwortet Castorf mit dem schlimmsten Vergehen, das auf der Bühne begangen werden kann: Er langweilt.

Die Fiktion, dass die Deutschen bis 1964 "nichts gewusst" haben von Auschwitz, wälzt Castorf auf einer mit Granulat bestreuten Bühne aus wie ein endloses Narrenspiel. Stephan Bissmeier spielt den SS-Kripo-Fahnder März, der dem Holocaust auf die Spur kommt, als spröden, vernagelten Buster Keaton, der baff vor der Pforte des Hades auf und ab geht. In vielen Rollen und allerlei Nazi-Gespensteruniformen umwimmelt ihn das tolle Castorf-Ensemble (Josef Ostendorf als Himmler & Heydrich, Jean-Pierre Cornu als Eichmann & Goebbels), und Bissmeier gibt in diesem Tanz der Vampire die Augen reibende, Kopf kratzende Schimmerlosigkeit. Dass solch ein Döskopf den Holocaust "entdecken" muss, zeigt, womit sich der Rest des Volkes beschäftigt: mit dem Totstellen.

Der Bühnenbildner Peter Schubert lässt Vaterland dort spielen, wo Oberwelt und Kanalisation, Macht und Schuld sich begegnen: an einer Pforte, die in die Grabkammern Berlins führt. An diesem Ort hat die Furie des Verschwindens gründlich getobt

hier trifft Albert Speer auf Piranesi, und im Hintergrund zackt sich ein Laufsteg in die Höhe, der wunderbar in Libeskinds Jüdisches Museum passen würde.

Kurz vor Schluss des vierstündigen Abends schaltet Castorf das Saallicht an wie in einem Flugzeug, das sein Ziel erreicht hat. Vier Schauspieler sitzen vorn an der Rampe und lesen aus dem Protokoll einer Konferenz, die am 12.

November 1938, drei Tage nach der "Reichskristallnacht", stattfand. Goebbels, Göring, Heydrich und ein Herr von der "Allianz" reden darüber, dass das viele Glas, welches zu Bruch gegangen ist, keinesfalls die Kassen der Arier belasten dürfe. Das Reden über "Reichskristall" schließt das Schweigen zu Millionen von Morden ein, die noch kommen werden. Es ist der einzig starke Teil des Abends, einer der fürchterlichsten dramatischen Texte, den die deutsche Protokollliteratur zu bieten hat. Fast scheint es, als sei die ganze klamme, ratlose Aufführung nur das Übergabeetui für dieses Zeugnis. Und genau jetzt steigt das Publikum aus: "Gnade!", ruft eine Frau, was in diesem Zusammmenhang ein interessantes Wort ist. "Macht's in Berlin", sagt jemand, als wär's eine Bezirksangelegenheit. Einige wollen die Lesung in die Watte des Applauses laufen lassen. Vor ein paar Jahren, denkt der Berichterstatter, hätten deutsche Zuschauer das noch nicht gewagt. Da hätten sie diese Passagen stillstarr abgesessen. Dass sie es nun nicht mehr tun würden, hat Castorf vorausgesehen: Man hört das Getrampel von Leuten, die die Vorstellung verlassen. Die Regie lässt das Geräusch vom Tonband einspielen. Das schlechte Gewissen der Deutschen klingt bei Castorf wie eine abmarschierende Truppe.

Ivan Nagel hat bemerkt, die Gabe dieses Regisseurs sei nicht, den Menschen anzusehen, dass sie sterben werden, sondern ihnen anzusehen, dass sie schon tot sind. Genau diesen Castorf-Blick fühlen wir am Ende auf uns ruhen.

Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Regisseur in den "kleinbürgerlichen, abgestorbenen und selbstgefälligen Hamburgern" (Castorf) Züge seiner eigenen Totenmaske entdeckt hat.