Über die allzu menschliche Menschlichkeit der Großen und Mächtigen haben uns die vergangenen Monate intensiver aufgeklärt, als es alle klugen Diskurse in den Journalen und die pompösen Kollegs der Politikwissenschaftler und Zeithistoriker jemals zuwege brachten. Wahrhaftig, Kohl und Konsorten demonstrierten mit schmetternder Ruchlosigkeit, dass es in den Regierungskanzleien und den Parteibüros von Bonn und Berlin, von Frankfurt und Hannover mitunter nicht so viel anders zugeht als, sagen wir, auf den Chefetagen der Kreissparkassen oder bei den Vorständen der Bundesligavereine.

Ich trau denen net, sagte Qualtinger: Ich kenne mich doch. In Wahrheit geht es bei den Staatsleuten zu wie in einer Schulklasse, ehe der Herr Oberstudienrat durch die Tür tritt. Den arglosen Lehrer träfe vermutlich der Schlag, hörte er mit, wie unverfroren seine Zöglinge über ihn und seine feuchte Aussprache herziehen. Oder wie in der Kantine, wenn, nach dem dritten Bier, der Frust über die Vorgesetzten explodiert. Eifersucht, Neid, Ressentiment, die schiere Bosheit, Lust an der Intrige, verletzte Eitelkeit und eine Schwäche für Schmeicheleien (die vor allem) - nichts ist den Verantwortungsträgern, den so genannten, fremd.

Die letzten Entdeckungen auf Richard Nixons heimlichen Tonbändern werfen in der Tat ein grelles Licht auf die Beschaffenheit der Beziehungen in den Gipfelzonen der Politik. Im Juni 1971, vor einem Besuch Willy Brandts im Weißen Haus, schwatzte der Präsident mit seinem Sicherheitsberater und Vertrauten Henry Kissinger über den deutschen Kanzler. "Guter Gott", stöhnte der Hausherr, "wenn das Deutschlands Hoffnung ist, dann hat Deutschland nicht viel Hoffnung." Die Herren versicherten einander nach dieser Einstimmung, dass sie von der "Ostpolitik" des erwarteten Gastes nicht allzu viel hielten

aber nicht, wie später festzustellen war, weil sie die Ziele dieser Politik grundsätzlich missbilligten - das keineswegs: sie fügte sich fast fugenlos in ihr Konzept der "Entspannung". Es behagte ihnen nur nicht, dass sie von dem deutschen Sozialdemokraten und nicht von ihnen selber - über die Bonner Köpfe hinweg - inszeniert wurde. Als sich Brandt, einige Minuten danach, im Oval Office einfand, begegneten ihm die beiden mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit.

Das versteht sich.

Doch anderntags klagte der Präsident, dass die Tischrede des Kanzlers beim abendlichen Festmahl unterkühlt gewesen sei (Vietnam sorgte für einen gedämpften Ton). Der Präsident war beleidigt. Kissinger sorgte dafür, durch ein Telefongespräch mit Egon Bahr, dass sich der Staatsgast bei seiner Präsentation im National Press Club und im Gespräch mit dem Außenpolitischen Ausschuss des Senates dankbarer zeigte und sich sittsamer benahm. Das Hauptproblem von Brandt, bemerkte der spätere Außenminister: Er sei nicht sehr helle. Nixon bestätigte ohne Zögern: "Dieser Kerl ist wirklich ein bisschen dumm." Kissinger bekräftigte die Feststellung des Chefs mit der deftigen Sentenz: "Brandt ist dumm und faul - und er trinkt."

Als jener bizarre Dialog vor wenigen Wochen publik wurde, wand sich Henry Kissinger wie ein Abstinenzler, der mit der Schnapsflasche ertappt wurde. Wer genauer hinhöre, rechtfertigte er sich, der werde gewahr, dass er Richard Nixons Zorn in Wirklichkeit zu beschwichtigen versucht habe. Er habe Willy Brandt stets respektiert, zu Amts- und Lebzeiten wie nach dem Tod. In seinen Memoiren umhüllte Kissinger den Kanzler freilich nicht mit dem Glanz der Anerkennung und Glorie, weiß Gott nicht.