Auch Wissenschaftler wollen manchmal träumen. Kürzlich sammelte eine ganze Busladung renommierter Geografen an der Mecklenburgischen Seenplatte Spuren touristischer Inwertsetzung. Sie fuhren in Kutschen durch den Müritz-Nationalpark. Auch die welligen Endmoränen der Weichsel-Eiszeit nahmen sie wohlwollend in Augenschein.

Nur den Wald wollten sie vor lauter Bäumen partout nicht sehen: Um die größte Baustelle Mecklenburg-Vorpommerns machte der Exkursionsbus vornehm einen weiten Bogen. Dabei hätten die Wissenschaftler in Göhren-Lebbin das ehrgeizigste Tourismusprojekt Deutschlands besichtigen können. Aber sie fuhren entschlossen genau dran vorbei. Zu degoutant, zu wenig erdverbunden muss den Wissenschaftlern der Gedanke erschienen sein, eine touristische Inwertsetzung von industriellen Dimensionen zu inspizieren.

Wer seine Schwellenangst aber überwindet und von der Bundesstraße 192 abbiegt nach Göhren-Lebbin, wird das einstige Kuhdorf kaum noch finden. Seine kargen Einfamilienhäuser, viele noch im verblichenen DDR-Graubraun, verlieren sich zwischen irritierend bunten Gebäudekomplexen, die von diesem Wochenende an Erholung suchenden Urlaubern schlüsselfertig zur Verfügung stehen.

Das Schloss darf nicht Schloss heißen Geblieben ist zumindest die schmale Dorfstraße, die genau auf das 1842 entstandene Schloss Blücher zuläuft. Der schwärmerische Blick auf den denkmalgeschützten Junkerlandsitz mit seinen beiden markanten Türmen wird allerdings gestört durch die Einfahrt zur neuen Tiefgarage direkt vor dem Schlossportal. Und ein Schloss ist das Schloss Blücher offiziell auch nicht mehr: Zwecks leichterer Vermarktung heißt es ab sofort Radisson SAS Resort Fleesensee. Der zur Golfer-Herberge mutierte Neobarockbau schmückt als Wahrzeichen die Urlauberstadt vom Reißbrett, die nun als Land Fleesensee unter die Leute gebracht werden soll.

Und alle sollen kommen: Die betuchten Golfer steigen im einstigen Schloss Blücher ab, erlebnishungriges Jungvolk zwischen 30 und 45 mit gutem Einkommen logiert im Robinson Club links der Dorfstraße, und für scharf rechnende Familien gibt es auf der anderen Straßenseite das Dorfhotel mit seinen 71 Apartmentquadern, die bodenständig regionale Architektur simulieren. Diesen Komplex krönt der vermutlich seefernste Leuchtturm der Welt, der mangels maritimer Notwendigkeit den Kindergarten beherbergt.

Das Land Fleesensee ist ein unternehmerisches Experiment, das in Deutschland vorher noch niemand gewagt hat. Ein geschlossener Immobilienfonds, als dessen prominentester Anleger die Fußballlegende Franz Beckenbauer zeichnete, verbaute auf 400 Hektar ehemaligem LPG-Land knapp 400 Millionen Mark. 1900 Urlauberbetten haben die Investoren links und rechts der Penkower Straße hingestellt und ein ganzes Arsenal an Sport- und Freizeitanlagen.

Auch wenn die Müritz und die Seen drum herum zum touristischen Tafelsilber Mecklenburg-Vorpommerns zählen, gilt die karge Landschaft selbst innerhalb des ärmsten Bundeslands noch als Schlusslicht. Dünn besiedelt wie Skandinavien, doch ökonomisch eher auf dem Niveau von Griechenland oder Portugal, blutet die Region seit Jahren aus: Die jungen Leute ziehen weg, die Dörfer leiden an Überalterung.