Jena Schlimmer hätte der Schock für die Jenaer kaum ausfallen können. Der Kinderarzt Jussuf Ibrahim (1877 bis 1953), Gründer und langjähriger Leiter der Jenaer Kinderklinik und "verdienter Arzt des Volkes", hat im Rahmen der NS-Euthanasie behinderte Kinder in den Tod geschickt. In der vergangenen Woche verkündete die Wissenschaftler-Kommission der Friedrich-Schiller-Universität, die den Euthanasie-Verdacht gegen Jenas hoch geschätzten Ehrenbürger untersucht hat, das ernüchternde Ergebnis ihrer Forschungen: Unter der Verantwortung von Professor Jussuf Ibrahim wurden zwischen 1941 und 1945 mindestens sieben schwerstgeschädigte Kinder in das psychiatrische Krankenhaus Stadtroda eingewiesen. Die Kinder starben dort - für die Experten ließen die Krankenakten nur einen Schluss zu: Sie wurden getötet. Und: Ibrahims Überweisungen in die berüchtigte "Kinderfachabteilung" der nahe Jena gelegenen Klinik waren nicht etwa ein Versehen. "Es besteht die begründete Annahme, dass Ibrahim aus einer grundsätzlich positiven Einstellung zur Rassenhygiene heraus die Tötung schwerstgeschädigter Kinder nicht nur befürwortet, sondern dazu unmittelbar beigetragen hat", heißt es in dem Bericht der Kommission. Der "Wohltäter der Menschheit", wie er in der DDR genannt wurde und wie Jenaer ihn bis vor kurzem sahen, war offenbar ein Überzeugungstäter.

Zu dem Schluss kam die Kommission, nachdem sie Akten aus Archiven in Jena, Weimar, Gera, Stadtroda, Ludwigsburg und Berlin sowie 63 Aussagen von Zeitzeugen ausgewertet und in den Kontext mit Ibrahims wissenschaftlichen Schriften gestellt hatte. Wichtigster Fund ist ein handschriftlicher Brief Ibrahims vom 1. Oktober 1943 an Gerhard Kloos, Chef des Stadtrodaer Krankenhauses. "Sehr geehrter Herr Kollege! S. Sch. aus E., jetzt zwölfeinhalb Monate alt, leidet an Microcephalia vera. Ein Erbmoment ist nicht bekannt, eine normale Entwicklung wird sich nie erreichen lassen.

Euthan. wäre durchaus zu rechtfertigen und im Sinne der Mutter. Vielleicht nehmen Sie sich des Falles an? Mit besten Empfehl. u. Heil Hitler! Ergebenst Dr. Ibrahim." Der Säugling überlebte nur deshalb, weil man ihn in Stadtroda nicht aufgenommen hatte.

Damit existieren bereits zwei handschriftliche Briefe, in denen Ibrahim Euthanasie für ein behindertes Kind befürwortete. Der zuerst bekannt gewordene Brief von 1944 trug das Kürzel "Euth?". Entdeckt von der Jenaer Medizinhistorikerin Susanne Zimmermann und öffentlich gemacht von ZEIT-Autor Ernst Klee (ZEIT Nr. 6/99), entzündete sich an ihm eine hoch emotionale Debatte unter den Jenaern. Für Deutungsversuche der Rolle Ibrahims lässt der Kommissionsbericht aber nun keinen Raum mehr.

Die Universität hat Konsequenzen angekündigt: Ibrahim wird aus dem Namen der Kinderklinik gestrichen. Am entstehenden Klinikneubau soll eine Gedenktafel oder Skulptur an die Euthanasie-Opfer erinnern. Die Forschungen werden fortgesetzt. Denn eigentlich steht Jena damit noch ganz am Anfang.

Zeiss