Eines Tages betritt John Malkovich, der berühmte Schauspieler, das Büro seines Agenten. Er hat eine Kehre in seiner Karriere zu besprechen und sagt: "Ich will, dass der Name John Malkovich von nun an wie ein Synonym klingt für Marionettentheater. Ich will ein Puppenspieler sein." Der Agent behält seinen Agenten-Blick bei und antwortet: "Kein Problem. Zapp - jetzt bist du ein Puppenspieler." So schnell kann es gehen im Schaugeschäft. Identität ist eine Vermarktungsfrage. Du kannst sein, was du sein willst - solange sich das Image erfolgreich verkaufen lässt.

Im Kino muss man dem "Image", dem Augenschein vertrauen. Deshalb misstraut das Kino ihm so gern. Das Kino besteht aus nichts als leuchtender Oberfläche; deshalb träumt es immer von der Tiefe dahinter. Es macht sich interessant, indem es seine eigene Identität infrage stellt. Der Schein trügt. Diese alte Weisheit predigt das Kino, seit es über sich selbst ins Grübeln geraten ist. Es legt sie allerdings zu seinen Gunsten aus. Man darf sich nicht abwenden vom Schein, der trügt, sondern muss bitte schön genau hinsehen. Zur Wahrheit führt nur der Blick durch die Täuschung hindurch. Also dranbleiben.

Spike Jonzes Film Being John Malkovich beginnt gleich mit einem Angriff gegen den Schein, später wird ein Sperrfeuer daraus. Eine Marionette attackiert im so genannten "Tanz der Verzweiflung" ihr Spiegelbild. Sie ist ein Abbild des Puppenspielers Craig, trägt lange Haare und einen fusseligen Bart. Was auf der Puppenbühne noch leicht jesusmäßig aussieht, riecht in der New Yorker Jetztzeit stark nach Erfolglosigkeit. Tatsächlich ist Craig praktisch arbeitslos; ein verkanntes Genie, das von seiner nicht minder verzottelten Frau Lotte sanft auf den McJob-Markt gedrängt wird. Der langhaarige Loser gibt das Negativ zum Malkovich-Muster ab. Während John kraft seines Images sein kann, was immer er will, wird Craig nie anerkannt werden als das, was er längst ist: als begnadeter Puppenspieler. Sein Verlierer-Image verhindert das. Wie zum unmittelbaren Beweis dieser These gelingt Jonze ein wunderbares Besetzungs-Experiment: Sein Späthippie-Pärchen Craig und Lotte wird gespielt von zwei der slicksten, schicksten, glattesten Hollywood-Darsteller der jüngeren Generation - und John Cusack, insbesondere aber Cameron Diaz sind kaum mehr zu erkennen. Nimm ihnen ihr Image, schon verschwinden sie hinter der Rolle. - Ironischerweise hat John Malkovich selbst erst eingewilligt, in diesem Film mitzuspielen, nachdem die Zusage von Diaz und Cusack vorlag. Dank deren Image war er zuversichtlich, sein eigenes würde mit diesem Projekt keinen Schaden nehmen. Diese mehrfache Schleife aus dem Trendgewerbe Image-Politik ist typisch für einen Film, in dessen Innerem fast alles mehrfach verdreht wird und in dessen Zentrum es um fünfzehnminütige Erlebnis-Aufenthalte in John Malkovichs Kopf geht, etwas genauer gesagt: Hinter einer versteckten Tür in einem New Yorker Bürogebäude führt ein dunkler Tunnel binnen Sekunden in den Körper des Stars - jeder, der den Tunnel betritt, sieht für eine Viertelstunde mit Malkovichs Augen, spürt mit dessen Sinnen, und wird dann ohne Angabe von Gründen sehr unsanft an der Autobahnkreuzung Richtung New Jersey wieder ausgespuckt.

Erst im Männerkörper kommt die Frau zu sich selbst

Es hat wohl selten einen Film gegeben, in dem eine vergleichbare Menge bizarrer Einfälle versammelt war, ohne dass gleich sicherheits- oder genrehalber das Etikett "Fantasy" draufklebte. Being John Malkovich ist "kafkaesk" durch und durch, zugleich muss man ihn gegen eine solche Beklemmungs-Vokabel in Schutz nehmen. Hier bleibt alles heiter - wie sehr die Figuren auch im Schleudergang der Ereignisse den Boden unter den Füßen verlieren. Wahrscheinlich lässt sich eine derartige Abenteuer-Tour rund um aufgegebene und aufgepfropfte, erkämpfte und besiegte Identitäten überhaupt erst so entspannt durchpeitschen, seit in Cyberspace und Internet, vor Playstations und im Privatfernsehen Identitäts-Hopping in verschiedenen Light-Versionen zur gängigen Praxis geworden ist. Being John Malkovich spiegelt diese Leichtigkeit und kostet sie aus bis zum Aberwitz. Gleichzeitig gibt sich Spike Jonze nie ganz der virtuosen Salto-Technik von Charlie Kaufmans Drehbuch hin. Nur die Figuren wirbeln herum, nie die Regie. Sie hält sich zurück, verfolgt die Panikattacken der Protagonisten eher amüsiert und scheint sich im Übrigen in der verkehrten Welt bestens auszukennen. Als Craig nach seinen ersten fünfzehn Minuten in Malkovichs Kopf an der Autobahn aufschlägt, ist die Kamera längst da und wartet seelenruhig auf seinen Absturz aus dem Nichts. Die Gelassenheit, mit der Spike Jonze diese erste Spielfilm-Regie bewältigt, verdankt sich sicher auch seiner Erfahrung in der Musikvideo-Branche. Wer Dutzende Clips für Bands und Musiker mit hohem Hipness-Wert inszeniert hat, kennt sich bestens aus im Spannungsgebiet zwischen Identität und Image, auch wenn er erst dreißig Jahre alt ist.

Die fünfzehn Malkovich-Minuten sind für den Puppenspieler Craig eine Offenbarung. "Begreifst du nicht, was für eine Dose voll von metaphysischen Ködern das ist?", stammelt er seiner Frau Lotte entgegen. Deren eigene Erfahrung "in Malkovich" ist allerdings weniger meta als physisch: Im männlichen Körper glaubt sie endlich zu sich selbst zu kommen. Fortan begehrt sie die gleiche Frau wie ihr Mann - dessen Kollegin Maxine (Catherine Keener), eine Femme fatale, die Craig seines Aussehens wegen kühl abblitzen lässt und Lotte ihres Geschlechts wegen. Die Lösung heißt - natürlich - Malkovich. Maxine verführt ihn, und kurz vor dem Höhepunkt versuchen sich die beiden Verliebten jeweils in seinen Körper einzubuchen für eine erotische Erfahrung der dritten Art.

So könnte man weiter- und weitererzählen, käme dabei lange an kein Ende und würde außerdem eine ganze Reihe "metaphysischer Köder" immer wieder links liegen lassen müssen, die sich kreuz und quer durch die Geschichte dieses Films schlängeln und an keiner Angel auf Dauer festhaken wollen. Mitunter beißt ein Fisch an, der wird selbst zum Köder, dann kommt ein dickerer Fisch, den würde man gern mit nach Hause nehmen, das gelingt aber nicht. Köder und Fische tummeln sich bunt, der Zuschauer sitzt staunend davor, ordnet das eine dem anderen zu und findet doch kein Netz, um alles einzufangen. Wie soll er auch? Im ewig durchlässigen Umschlagplatz für Images und Identitäten darf man nicht alles zur Deckung bringen können.

Being John Malkovich schließt mit einer Reihe feindlicher Übernahmen. John Malkovich ist nicht mehr Herr seiner selbst, aber auch der große Puppenspieler Craig muss irgendwann die Kontrolle wieder abgeben. Beim Identitätspoker scheint schließlich jeder Einsatz erlaubt, und jeder Gewinn ist möglich, bis hin zum ewigen Leben in immer neuen Körpern. Aber auch das Risiko wird immer größer. Nicht einmal seines eigenen Kopfes kann man mehr sicher sein. In diesem Menschenpark gibt es keine Regeln.