Vor rund einhundertfünfzig Jahren hat Hebbel in einer Rezension von Stifters Nachsommer dem, der freiwillig diese drei Bände durchläse, die Krone Polens versprochen. Die Krone Polens war damals frei (sie ist es noch). Ich habe den Nachsommer gelesen, ich wollte sie nicht, jetzt habe ich Hans Henny Jahnns dreibändigen Fluss ohne Ufer gelesen, jetzt will ich sie. Ich will die Krone, ich will nicht die tausend Mark, die Botho Strauß vor zehn Jahren dem versprochen hat, der Jahnns Fluss ohne Ufer durchläse, ganz. Tausend Mark gegen die Krone Polens, das zeigt nur, wie die Zeiten heruntergekommen sind.

Ich habe Jahnn jetzt wegen Powys gelesen, John Cowper Powys, der, fast 91 Jahre alt, 1963 gestorben ist und zwischen 1929 und 1934 drei mächtige Romane herausgebracht hat: Wolf Solent, die Glastonbury Romance und den Strand von Weymouth. Jahnn hat immer wieder auf Powys als einen großen Mann hingewiesen, seine Leser waren es, die in den fünfziger Jahren eine zweite deutsche Ausgabe des Wolf Solent (der 1930 dreibändig deutsch erschienen war) enthusiastisch begrüßten und das noch einmal 1986 taten. Der Enthusiasmus der fünfziger Jahre war eher folgenlos geblieben.

Es war alles nicht so geplant, und wenn, dann hätte ich vielleicht nach England fahren sollen oder in die norddeutschen Tiefebenen; aber mit einem Male war ich mitten im Languedoc; über Lyon, am Mont Ventoux vorbei war ich noch hinter Nîmes und hinter Montpellier bis hinab in die Gegend von Béziers geraten, Molière soll da öfter gewesen sein und Stücke aufgeführt haben, jetzt steht hier, in Weinbergen, die voller Châteaus sind, ein Château, das Gäste aufnimmt. Und so für acht Tage mich, mitsamt dem Fluss ohne Ufer, drei Bände, zusammen fast zweieinhalbtausend Seiten.

"Wie wenn es aus dem Nebel gekommen wäre, so wurde das schöne Schiff plötzlich sichtbar" - erinnert sich irgendjemand? Früher Februar im Languedoc, die ersten Mandelbäume begannen zu blühen, aber auch hier geht die Sonne so früh im Jahr doch bald unter; Nacht, Lesezeit. "Die Lichter der großen Kuppel verbrannten flimmernd in den unendlichen Weiten. Ihr kalter Schein, der das Herz vernichtet oder erhebt, brachte das trügerische Wunder erbaulicher Gedanken. Millionen Menschen (und wer wüsste, ob es die Tiere nicht tun) blicken des Nachts auf mit den unbegreiflichen Augen ..." - ich nicht, ich lese, Einziger unter Millionen, jedenfalls was Jahnn angeht im Languedoc.

"Unbegreiflich": ein eher gefühlvoller Ausdruck, wie mir scheint; Jahnn muss das Wort lange schon geliebt haben, es gibt ja so Wörter, die man ungeheuer gern einmal hinschriebe, Jahre wartet man auf die Stelle, an der es alles sagt; dann schreibt man es hin, Dilettanten machen es so; und da steht es nun.

Es ist in Romanen ja leicht, sich in Busenlose zu verlieben

Mittags, am Meer, dort unten meine ich, sah man jenen charakteristischen Hügel, auf dessen Meerseite, bei Sète, Paul Valéry begraben liegt. Wenn ich dann an meine Lektüre dachte, sobald die Sterne wieder da wären, kam ich mir vor wie Lichtenberg, als er sich in London, dem wirbligen Herz der Welt, an den Kopf fasste bei dem Gedanken, dass zur gleichen Stunde in Deutschland Klopstock seine Oden, immer noch seine Oden dichtete. Das klingt weit hergeholt, aber der Zusammenhang ist viel enger, als man denkt, denn bald sah ich, dass Klopstocks Messias (das hätte nicht mal Lichtenberg geglaubt) so ziemlich das einzige Werk ist, das Jahnn in seinem Dreibänder zitiert. Die langen Stellen aus dem Messias klingen übrigens faszinierend schön im Jahnnschen Kontext.