Wer in diesen Tagen aus einem längeren Urlaub zurückkehrt, versteht womöglich die Welt nicht mehr. Noch im Winter hieß es, die Massenarbeitslosigkeit werde dem Land auf Jahre ihren Stempel aufdrücken. Nun reden selbst berufsbedingt pessimistische Gewerkschafter von einer Halbierung der Arbeitslosenzahl bis zum Ende des Jahrzehnts. Sogar das Wort Vollbeschäftigung wird reaktiviert, das für manche nur mehr ein historischer Begriff aus den seligen Zeiten des Wirtschaftswunders war. Das "Ende der Arbeitsgesellschaft" ist abgeblasen, jetzt wird wieder malocht.

Angesichts der fidelen Laune wirkt die Prognose Gerhard Schröders fast schon hasenfüßig, im Herbst 2002 könnte die Arbeitslosenzahl unter 3,5 Millionen fallen. Denn dafür dürfte nahezu allein schon die demografische Entwicklung sorgen, wegen der jährlich 100 000 bis 150 000 Menschen vom Arbeitsmarkt verschwinden werden.

Was die Experten überrascht, sind denn auch nicht die Prognosen, sondern die Jubelstimmungen, die sie auslösen. Längst ist klar, dass das Angebot an Arbeitskräften wegen der mangelhaften Fortpflanzungsfreudigkeit der Deutschen kontinuierlich sinken wird - dramatisch wird es von 2010 an. Schwacher Euro und robuste Konjunktur sorgen zusätzlich für neue Jobs. Das ist schön.

Nicht schön ist, dass dadurch schon wieder neue Probleme entstehen. Denn das komplexe Gebilde Arbeitsmarkt ist nicht Produkt statistischer Mittelwerte, sondern Summe sehr unterschiedlicher Menschen, Unternehmen, Regionen. Trotz des Booms bleibt ein Sockel kaum zu vermittelnder Arbeitsloser. Ganzen Landstrichen im Osten fehlt noch immer eine halbwegs gesunde Wirtschaft, während anderswo die Fachleute schon jetzt knapp werden, was das Wachstum bremst: Der Erfolg frisst seine Kinder. Die Belegschaften werden allmählich vergreisen - und das in einer Gesellschaft, die einerseits gerade Dynamik übt und andererseits 45-Jährige irgendwie alt findet und mit 55 an den Vorruhestand denkt. Alle werden länger arbeiten müssen, doch gerade jene, die es wegen ihrer geringen Einkommen am nötigsten haben, werden es wegen der Schwere ihrer Arbeit am wenigsten können. Ohne Zuwanderung wird das alles nicht funktionieren - in einem Land, in dem bei ein paar zusätzlichen Computerexperten aus dem Osten viele reagieren, als stünden mongolische Reiterheere an der Oder.

Die Probleme auf dem Arbeitsmarkt werden also nicht kleiner, sondern nur anders werden. Aber auch das ist, man will ja nicht immer nur mosern, fraglos ein echter Erfolg.