Je größer die zeitliche Distanz, desto näher scheint uns die Geschichte des Holocaust. Auf dieses Paradox ist in den vergangenen Jahren immer wieder hingewiesen worden. Überzeugende Erklärungen für den Erfolg von Museen, Fernsehsendungen, Büchern oder Studiengängen hingegen gibt es kaum. Genauer gesagt: gab es kaum, ehe Peter Novick, Historiker an der Universität Chicago, das Thema aufgriff. Sein Buch erfüllt alle Kriterien eines Standardwerks.

Wirtschaft und Kultur, Alltagsleben und Diplomatie, Selbstbilder und Fremdbilder, nationale und internationale Politik fügen sich zu einer "Sozialgeschichte der Erinnerungspolitik", die von ihrer nuancierten Interpretation ebenso lebt wie vom Mut zur Zuspitzung. "Jede Generation stellt den Holocaust so dar, wie es ihrem Lebensgefühl am besten entspricht."

Novick illustriert diese These am Beispiel amerikanischer Geschichte seit den vierziger Jahren. Dass er dabei zugleich Horizonte für das Nachdenken über andere Staaten und Kulturen öffnet, gehört zu den wohl stärksten Seiten des Buches.

Wenn Novick trotzdem wütende Kommentare provoziert, dann in erster Linie wegen seiner Beobachtungen, wie führende jüdische Organisationen die Erinnerung manipulierten. Unmittelbar nach dem Krieg verpflichteten sie sich selbst zum Schweigen - teils, um ihre Politik der zügigen Assimilation nicht zu gefährden, teils aus Furcht, dass die "kalten Krieger" um McCarthy nur auf eine Gelegenheit warteten, um das alte Stereotyp vom Juden als Kommunistenfreund wieder zu beleben, teils aus Rücksicht auf eine Regierung, die ihren neuen Bündnispartner Deutschland nicht verprellen wollte. Erst als der Staat Israel im Jom-Kippur-Krieg 1973 um sein Überleben kämpfte, besann man sich wieder auf die Lehren des Holocaust: Never again! Eine bedrückende Lektüre, zumal Novick über eine stupende Kenntnis interner Akten verfügt und im Gegensatz zu seinen Kritikern ein abgewogenes Urteil der Verurteilung vorzieht.

Mehr noch als für die Winkelzüge der Verbändepolitik interessiert sich Novick für den Wandel von Mentalitäten - für jenes Lebensgefühl, das darüber Auskunft gibt, warum bestimmte Geschichtsbilder zu welcher Zeit akzeptiert und andere verworfen werden. Wieso rückte der Holocaust seit den achtziger Jahren in das Zentrum der Selbstdarstellung amerikanischer Juden? Triftige Gründe sind zunächst nicht zu erkennen, im Gegenteil: Die Zahl der Überlebenden, in den USA ohnehin geringer, als gemeinhin vermutet, sinkt von Jahr zu Jahr

Antisemitismus spielt im Alltag fast keine Rolle mehr

und für die meisten Juden hat sich der Traum vom gesellschaftlichen Aufstieg erfüllt.