Als bayerische Politiker in den fünfziger Jahren den Erdteil Liechtenstein entdeckten, konnten sie nicht ahnen, dass sie damit einen Beitrag zur Erhaltung gefährdeter Arten leisteten. Heute ist Liechtenstein so etwas wie eine Serengeti für Anwälte. Die können sich dort frei bewegen und stehen unter Naturschutz, wie auch die Briefkästen, mit denen sie in Symbiose leben.

Das Zentrum von Liechtenstein heißt Vaduz und ist eine eingetragene Stadt von der Größe des Potsdamer Platzes in Berlin. Auch äußerlich gibt es Gemeinsamkeiten. Baukräne und -gerüste hier wie dort, nur dass dort Hotels in den Himmel wachsen und hier Banken. Monte-Carlo ohne Meer, nannte es ein Einheimischer. Mittendrin ein Hotelrestaurant namens Real, in dem haben alle Schatzmeister der Union schon gegessen. Ich übrigens auch, wenn auch ohne Anwalt - dafür mit gutem Appetit und lieben Tischgenossen. Das ist lange her.

Ich fand das Essen im Real damals sehr gut. Außerdem interessierte mich der Zustand der Nummernkonten. Deshalb war ich jetzt wieder da. Also - um mit dem kleinsten Detail anzufangen -, die Nummernkonten sieht man nicht, weil man ständig nach Parkplätzen Ausschau hält, die es auch nicht gibt und die - natürlich! - nummeriert sind, damit kein Unbefugter mit seinen Pirellis drauf rumtrampelt.

Nähert man sich auf der Rheintalautobahn der Stadt Vaduz von Norden, passiert man einige halb erwachsene Berge, hinter denen sich Appenzell verbirgt.

Dieser Ort bedeutet für Schweizer Käse, was Rügenwald für unsere Teewurst ist: einen Markennamen. Merkwürdigerweise findet man auf dem Käsewagen im Real nicht einen Krümel Appenzeller. Dafür gibt es vor dem Haus und in den anderen Straßen Touristenbusse aus allen Ländern ohne Bankgeheimnis.

Dazwischen und in den Andenkenläden kann man kleine Lederhosen mit Reißverschluss kaufen, sie sind die Liechtensteinsche Variante unserer Sparschweine. Wirklich sehr niedlich und wie geschaffen, um jüdische Vermächtnisse aufzunehmen, bevor sie der hessischen CDU gespendet werden. Und mittendrin, beziehungsweise dazwischen, liegt das Hotel Real. Im Parterre enthält es Abfütterungsräume für die Businsassen, im ersten Stock das Restaurant Au Premier.

Real ist ein Schweizer Name wie Tell und Zwingli, woraus hervorgeht, dass es sich um ein Familienunternehmen handelt. Am Herd stand jahrzehntelang der Stammesvater Felix, der auch heute noch in die Töpfe guckt. Nichts ist so Vertrauen erweckend wie ein Küchenchef, der seit 40 Jahren die Saucen kontrolliert. Ist aber auch riskant. Denn in vier Jahrzehnten ändert sich unser Geschmack, und auch der Stil der modernen Küche ist nicht mehr der gleiche. Das kann Irritationen auslösen.