Tarzan schreit. Die Mauern wackeln. Die Kunst strömt. Raus aus dem Museum. Rein in die Stadt. Wo ist die Ausstellung? Gehen Sie einfach geradeaus und dann um die Ecke, sagt Jan Hoet in aller Unschuld. Dabei weiß er genau, dass um die nächste Ecke ein rosiges Monster steht, sieben Meter groß, ein nackter Zyklop, der aus seinem einen Auge auf die neugierigen Damen niederschaut, die mit ihren zwei Augen zwischen seinen Beinen raufschauen. An der Ecke zum Rathaus hat sich ein römischer Redner aufgestellt. Echt? Echt Kunst. Die grauen Säulen der Genter Universität haben sich von Stein zu Fleisch verwandelt und duften wie gut geräucherter Schinken. Das darf doch nicht wahr sein!, rufen protestierende Vegetarier. Und noch ein paar Ecken weiter wartet ein superrealistischer Blindenhund ganz allein und sehr geduldig auf alle, die eine Führung brauchen.

Willkommen zum Abenteuer in der Altstadt. Over The Edges - Die Ecken von Gent lautet der Titel des großen Spektakels, das Jan Hoet, Kurator des Städtischen Museums für Aktuelle Kunst und ehemaliger documenta-Macher, ausgedacht hat.

Gent präsentiert sich als offene Stadt für alle, die miterleben wollen, was passiert, wenn die Kunst aus dem Goldrahmen fällt und hinein in den Alltag, der so belebt über doppelten Boden jongliert, wenn nicht nur ein toter Kaiser gefeiert, sondern gleichzeitig die Metamorphosen der Macht geprobt werden.

Das Kleinod der alten Architektur macht psychogeografische Experimente.

Ehrfurcht ist überflüssig, Provokation die Absicht und Begreifen in jeglichem Sinne erlaubt.

Fragen auch. Was hat es also auf sich mit der historischen Ecke? Warum heißt es auf der roten Einladung Kaiser Karl 1500-2000 stellt vor? Karl V., vor 500 Jahren in Gent geboren, herrschte über ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging. Und als er das Imperium, die Religion und das Weltbild des späten Mittelalters auch mit aller Gewalt nicht mehr zusammenhalten konnte, zog sich der mächtigste Mann seiner Zeit in Spanien hinter dicke Mauern zurück und versank in tiefe Melancholie.

Kaisers Geburtstag, dachten die Flamen, ist ein Anlass, durch den Rückspiegel der Geschichte in die Zukunft zu blicken, über Macht und Wahnsinn nachzudenken und Grenzbereiche auszuloten. Das Genter Psychiatriemuseum und das Theaterhaus Victoria wollen mit einem gemeinsamen Projekt über Gestörte Fürsten das Thema Gestörte Macht und störende Macht untersuchen. Das Genter Productiehuis Impressant hat eine interaktive Kinderausstellung auf die Räder gestellt, um 500 Jahre später die mobile Stadt und das Leben im 16. Jahrhundert aus der Perspektive und mit den Fragen der Kinder anzusehen. Der Genter Magnum-Fotograf Carl de Keyzer (Jahrgang 1958) ist mit seiner Kamera und Karls Tagebuch auf den Spuren des Kaisers durch Europa gereist und hat entdeckt, dass die Stadt (wieder) das zentrale Paradigma unserer Identität ist. Seine Impressionen sind von Anfang Mai bis Ende Juni im Museum für Aktuelle Kunst zu sehen.