Nanterre

Er soll an einer Stimmbandschwäche leiden. Doch davon ist an diesem Abend nichts zu spüren. "Jetzt halten Sie mal den Mund", dröhnt es machtvoll über den Tisch, an dem noch eine junge Türkin und sein engster Berater sitzen.

Beide gehen Charles Pasqua, dem Präsidenten der neu gegründeten stramm rechten Partei Rassemblement pour la France (RPF) auf die Nerven. Mit 73 Jahren ist der ehemalige Innenminister der Republik nicht mehr willens, beim Abendessen in seinem eigenen Haus penetrante Fragen zum Armenier-Massaker der Türken vor rund 80 Jahren über sich ergehen zu lassen.

Immer treuherziger ist Pasquas Gesichtsausdruck in all den Jahren geworden und immer hemmungsloser sein Umgangsstil. Um Nachsicht und politische Korrektheit schert er sich nicht einmal, wenn es um die eigenen Wegbegleiter geht. Sein alter Freund, Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac? Kurz lügt Pasqua mit warmen Worten, wie gut ihr Verhältnis sei, um dann unumwunden zu erklären, Chirac sei der "Totengräber des Gaullismus" und hätte längst zurücktreten sollen. Und sein neuer politischer Kompagnon, der Adlige Philippe de Villiers, der mit ihm die RPF führt? Auch ihn verachtet er zutiefst. Pasqua macht ein schnelles Kompliment, ehe er übergangslos "ein anderes prominentes Arschloch" erwähnt und dann so tut, als sei ihm diese Grobheit nur versehentlich herausgerutscht.

Bloß nicht das Publikum langweilen. Pasqua liebt die Provokation. Sein starker südfranzösischer Tonfall gibt selbst wütenden Beschimpfungen etwas harmlos Anheimelndes, das in der gedruckten Fassung freilich verloren geht.

Wohl darum lassen seine Berater in heiklen Zeiten Termine mit Journalisten auch schon mal mit dem fadenscheinigen Hinweis auf eine plötzliche Stimmbandschwäche platzen.

Charles Pasqua ist ein alter politischer Kämpfer. Der Polizistensohn ging schon als 16-Jähriger in den Widerstand, wurde bald ein glühender Bewunderer de Gaulles und leitete lange Jahre eine Art gaullistische Privatpolizei, den Service d'Action Civique (SAC). Insgesamt vier Jahre lang war er Innenminister. Zusammen mit Jacques Chirac gründete er 1976 die neogaullistische Partei RPR. 1992, beim Referendum über die Maastricht-Verträge, bekam ihre Freundschaft einen Sprung. Der überzeugte Europäer Chirac warb damals für ein Ja, Pasqua war "im Namen der nationalen Unabhängigkeit" entschieden dagegen - allerdings erst, nachdem das Referendum in Dänemark gescheitert war.