Wenn Achim Przystaw abends von seinem Job als Sachbearbeiter bei der DB Reise und Touristik AG in Hamburg nach Hause kommt, hat er noch lange nicht Feierabend. Drei bis vier Stunden büffelt der 34-Jährige dann für seinen Fachhochschulabschluss zum Diplombetriebswirt. Der gelernte Informationselektroniker und ehemalige Lokführer ist einer der 330 Mitarbeiter der Deutschen Bahn AG (DB), die sich in einem dreijährigen Fernstudium der Akad Hochschulen für Berufstätige weiterbilden. 240 Mark pro Monat zahlen die Fernschüler selbst, den Rest übernimmt die Bahn.

Wie die Bahn bieten immer mehr Unternehmen ihren Mitarbeitern an, sich statt bei Seminaren im Fernkurs weiterzubilden. "Das ist ein eindeutiger Trend", sagt Michael Vennemann, Leiter der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln. Der Grund dafür ist vor allem der wirtschaftliche Druck. "Die Abwesenheit vom Arbeitsplatz ist für viele Unternehmen der größte Kostenfaktor", sagt Vennemann. Auch Joachim Seifert, Bereichsleiter Kundenbetreuung bei den Akad Hochschulen für Berufstätige in Stuttgart, ist daher davon überzeugt, dass das Lernen neben dem Job zunehmend den Seminarbesuch ersetzen wird. "Immer mehr Seminaranbieter fragen uns nach Kooperationsmöglichkeiten, weil sie ihre Präsenzseminare nicht mehr voll bekommen", beobachtet auch Jens Greefe, Leiter Firmenservice bei ILS in Hamburg, der mit 20 000 aktiven Teilnehmern und über 180 Lehrgängen größten Fernschule in Deutschland.

Im Fernunterricht kann man nahezu jedes Bildungsziel erreichen, vom Lagerverwalter über den IHK-geprüften Bilanzbuchhalter und Personalreferenten bis zum anerkannten Hochschulabschluss. 1498 verschiedene Kurse wurden 1998 von den 206 privaten Fernlehrinstituten angeboten. 105 775 Teilnehmer, in erster Linie Privatpersonen, nutzten diese Form der Weiterbildung. Der Lernstoff ist in Studienbriefen aufbereitet. Hausaufgaben werden eingeschickt und kommen korrigiert zurück. Für Fragen gibt es Tutoren, und ergänzend werden auch Präsenzseminare angeboten. "Wir sind keine Papierversender", betont ILS-Manager Jens Greefe. "Die Betreuung ist genauso wichtig wie das Material." Beim ILS ist man gerade dabei, die Lehrgänge auch online-fit zu machen. Allerdings, da ist man sich bei der Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) sicher, wird das Internet die Fernlehrgänge nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Der Fernunterricht unterliegt als einziger Weiterbildungsbereich der staatlichen Kontrolle. Jeder Fernlehrgang braucht eine Zulassung der ZFU.

Dass trotz der Qualitätssicherung bisher nur wenige Unternehmen das Fernlernen nutzten, erklärt sich ZFU-Chef Vennemann so: "Die hatten einfach ein geringes Vertrauen in das selbst organisierte Lernen."

Die Lehrgänge werden für die Firmen maßgeschneidert

Bisher ist das Firmengeschäft der Fernlehrinstitute noch gering. Bei ILS macht es fünf Prozent des Umsatzes aus. Doch nun will man den Bereich ausbauen. Auch bei der Akad, mit über 13 000 Fernschülern einer der großen Fernkursanbieter, vermarktet man das Firmengeschäft seit Januar aktiv. "Wir stoßen damit auf sehr reges Interesse", sagt Akad-Kundenbetreuer Joachim Seifert. Dabei werden die Anbieter immer flexibler. Wurden den Unternehmen bisher vor allem Standardlehrgänge verkauft, so bieten sie nun auch maßgeschneiderte Lehrgänge an.