Wie klein das Paradies doch ist. Die Urlauber, die am Ostersonntag auf ihrer malaysischen Trauminsel Sipadan zu Abend aßen, als plötzlich Kidnapper das Hotel stürmten, wussten wohl nichts von dem seit Wochen währenden Drama auf der nahen philippinischen Insel Basilan. Dort hält die muslimische Terrororganisation Abu Sayyaf seit dem 20. März fast dreißig Geiseln fest - Schulkinder, Lehrer, einen Priester. Auf Befehl der Regierung in Manila schlugen am 22. April 1500 Soldaten mit Artillerie und Kampfhubschraubern gegen das Hauptquartier der Guerilla los. Vier Rebellen und drei Soldaten starben in dem Gefecht die Geiseln konnten jedoch nicht befreit werden. Tags darauf erfolgte der Gegenschlag in Malaysia: Abu Sayyaf brachte die Touristen von Sipadan in ihre Gewalt.

Drei Deutsche, zwei Franzosen, zwei Südafrikaner, zwei Finnen und eine Libanesin sind zum Faustpfand in einem Bürgerkrieg geworden, dessen Fronten niemand kennt in ihren Heimatländern. Wer weiß überhaupt, dass im Süden der Philippinen Zehntausende muslimische Aufständische gegen die christliche Mehrheit kämpfen? Vor vier Jahren hat Manila ein Friedensabkommen mit der größten Rebellenorganisation, der Moro National Liberation Front, geschlossen. Deren Chef, Nur Misuari, ist heute Gouverneur eines autonomen muslimischen Gebietes auf den Südphilippinen.

Im Auftrag Manilas soll Nur Misuari mit den Geiselnehmern von Abu Sayyaf verhandeln. Die jedoch schmähen ihn einen üblen Opportunisten und Kapitulanten. Autonomie ist ihnen nicht genug. Sie fordern einen unabhängigen muslimischen Staat. Ihr Gründer, ein in Libyen ausgebildeter Prediger, kämpfte in Afghanistan gegen die Russen. Sein Bruder und Nachfolger legte sich den Beinamen Ghaddafi zu. Wehe dem, der in die Hände dieser fundamentalistischen Mordbuben fällt!

Was muss ein Tourist wissen von der Welt? Einer zum Beispiel, der seine Trauminsel am Rande der Sulusee gefunden hat, in der sich mehr Piraten, Entführer und Lösegelderpresser tummeln als irgendwo sonst auf den Weltmeeren? In diesem gottverlassenen Winkel der Erde, der uns fern und herzlich gleichgültig ist, nisten Armut, Verbrechen und religiöser Fanatismus.

Ohne Schuld sind die Entführten Opfer einer gnadenlosen Abrechnung geworden.

Bloß jetzt kein Macho-Befehl aus Manila zum Angriff auf die Rebellen! Die Bundesregierung sollte auf Geduld dringen und notfalls auf Zahlung von Lösegeld. Was wäre daran schändlich? Wir suchen doch alle unsere Trauminsel.

Und fragen uns so wenig wie diejenigen, um deren Leben wir nun bangen, wohin die Reise gehen könnte.