Zu Ostern erreichte der schon seit Jahren andauernde Streit zwischen der italienischen Regierung und Alitalia auf der einen und der EU-Kommission und zwölf anderen europäischen Fluggesellschaften auf der anderen Seite einen neuen Höhepunkt. Es geht um die Aufteilung der Flüge zwischen dem alten, stadtnahen Flughafen Linate und dem neuen, rund 50 Kilometer außerhalb gelegenen Flughafen Malpensa. Am Gründonnerstag hatte sich die Lufthansa einer Verfügung widersetzt, nach der fünf ihrer bisher sechs Abflüge nicht mehr von Linate, sondern von Malpensa aus nach Frankfurt starten müssen. Zwei Kranich-Jets aus Frankfurt hatten versucht, in Linate zu landen. Das wurde ihnen verweigert.

Für rund zwei Milliarden Mark, darunter fast die Hälfte aus EU-Töpfen, war Malpensa vor zwei Jahren ausgebaut worden. Alitalia wollte hier ein neues Drehkreuz für europäische sowie interkontinentale Flüge aufbauen. Dieser Plan ist elementarer Bestandteil der Allianz und angestrebten Fusion zwischen KLM und Alitalia. Für die Niederländer ist Malpensa wichtig, weil sie an ihrer eigenen Heimatbasis Amsterdam-Schiphol keine Wachstumskapazitäten mehr haben.

Damit diese Strategie funktioniert, müssten alle Wettbewerber ihre Zubringerflüge zu anderen Drehkreuzen wie Frankfurt, London oder Zürich ebenfalls ab Malpensa anbieten. Zu diesem Zweck hat die italienische Regierung mehrfach den Umzug vom nur sechs Kilometer vom Stadtzentrum Mailands entfernten Flughafen Linate nach Malpensa verfügt. Dagegen hatten sich bis jetzt betroffene Fluggesellschaften wie Lufthansa bei der EU-Kommission wiederholt und zum Teil erfolgreich gewehrt. Malpensa ist wegen unzureichender Straßenanbindungen nicht nur schwerer zu erreichen, der Flughafen ist auch notorisch für seine Verspätungen: Nach einer Statistik der Association of European Airlines (AEA) führt Malpensa klar die Liste der verspätungsträchtigen Flughäfen für 1999 an: 57 Prozent der Ankünfte waren um durchschnittlich 46 Minuten verzögert, bei 54 Prozent der Abflüge lag der Schnitt sogar noch geringfügig höher.

Besonders angreifbar hat sich die italienische Regierung gemacht, weil sie bei der weiteren beschränkten Nutzung von Linate eindeutig Alitalia Wettbewerbsvorteile gewährt. Betroffene Konkurrenten sprechen von einem Maßanzug für die immer noch staatliche Gesellschaft.

Zwölf europäische Gesellschaften reichten im März Klage bei der EU ein, das erste Mal, dass auch scharfe Konkurrenten gemeinsam juristisch vorgehen.

Unmittelbar vor Ostern verkündete dann Transportkommissarin Loyola de Palacio ernsthafte Zweifel an dem Vorgehen der Italiener. Und zwar insbesondere an der Begründung der italienischen Regierung - die hatte für den Teilumzug unter anderem den Umweltschutz angeführt. Linate müsse also eigentlich entlastet werden, tatsächlich aber sei die Anzahl der Flüge gestiegen. Die Kommissarin kündigte für Mai eine formale Entscheidung an, die in einer Aufhebung des Umzugsdekrets enden könnte.

Entscheidend ist die Präzedenzwirkung dieses Falls. Wenn Italien damit durchkäme, würden sich andere Regierungen künfig darauf berufen, fürchtet Thomas Kropp, Lufthansa-Bevollmächtigter bei der EU in Brüssel. Der einzige vergleichbare Vorgang war bisher der Versuch Frankreichs, den freien Zugang nach Paris-Orly zu beschränken. Das hat die Kommission unterbunden, und die Franzosen haben kooperativ eingelenkt, erinnert sich Kropp, während die Italiener es jetzt zum vierten Mal versuchen. Im Binnenmarkt, so Kropp, müssten freier Wettbewerb und Chancengleichheit für alle gelten, die Bundesregierung kommt ja auch nicht auf die Idee, Alitalia statt nach Frankfurt nach Hahn zu schicken oder nach Berlin-Schönefeld statt Tegel.