Wahrscheinlich ist der berühmte blühende Kirschgarten bloß eine Leinwanderinnerung, vielleicht Ferien auf Immenhof, etwas, das längst nicht mehr läuft. Jedenfalls liegen, in Karin Beiers Inszenierung von Tschechows letztem Stück am Schauspiel Köln, die Gutshofbewohner anfangs im Kinogestühl und schlafen. Mit beschwingter Ziehharmonikamusik (Russland!) und der Rückkehr der Gutsherrin Ranjewskaja erwachen sie und hüpfen in die aufgekratzte Vergeblichkeitsfarce, die sich Tschechow selbst für seinen Kirschgarten vorgestellt hat. Alle sind auf Lebensdurchreise, alle spielen Egorollen, so wie sie mit Kinostühlen Autoscooter spielen. Aber niemand schwebt über dem Abgrund. Das Gut ist überschuldet, die Heimat verloren, das Ausland (Paris!) war ein Fiasko. Die Ranjewskaja aber, wie Nicole Heesters sie zeigt, ist eine zupackende Grande Dame, der man nicht anmerkt, dass sie nichts zu packen hat. Mit ihrem großen Bühnenton wirkt sie richtig Inge-Meyselig. Ach! Wo ist ihre flaumfederschwebende Sehnsucht? Wo der berühmte Schrank der Kindheit, an den ihr Bruder Gajew seine berühmte Rede hält? Entbehrlich. Obwohl der Kirschgarten, als Sieg des Nutzens über die Nutzlosigkeit, das unentbehrlichste Stück ist. Wäre da nicht Joachim Król als Gajew, der in seiner horchenden Selbstverwunderung und mit seinem staunenden Kuschelgesicht alles an Kirschgartenillusion und Lebenslachhaftigkeit bietet, was seinen Mitspielern zugunsten der Farce abgeschnürt ist. Am Ende werden Plastikgartenstühle abgeholzt. Wie nützlich.