Tina Jackson drückt ein gerahmtes Foto fest an die Brust und sagt: "Die Bürgerrechtsbewegung hat ihre Ziele auch nicht an einem Tag erreicht." Dann atmet die kleine schwarze Frau tief durch, lehnt sich weit zurück in den einzigen Sessel, der in ihrem kleinen Wohnzimmer Platz hat, und legt das Porträt des jungen Mannes auf ihre Knie. Sie blickt in seine Augen, schweigt einen Moment, und es klingt wie ein Schwur, als sie dann stockend hervorbringt: "Wir werden es schaffen, früher oder später. Waffen gehören verboten."

Tina Jackson hat ihr Kind verloren. Eines Abends kam der Anruf, vor dem sie sich immer gefürchtet hat. "Tyrone ist tot", sagte eine Stimme am Telefon, und Tina legte den Hörer ganz langsam auf die Gabel. Nein, ihr Sohn hatte nicht mit Drogen gehandelt, er war nicht kriminell. Er wohnte nur in der falschen Gegend von Washington, im Südosten der Stadt. Dort traf ihn eines Abends die Kugel. Den Mörder hat man bis heute nicht gefunden.

Wer trägt Schuld? Tina versank in tiefe Depression. Sie hatte ihren Jungen nicht schützen können. Dann, vor drei Monaten, erfuhr sie vom "Million Mom March", einer Protestveranstaltung gegen die laxen amerikanischen Waffengesetze. Eine Million Mütter, davon allein 150 000 in Washington, will die Organisation am 14. Mai, am Muttertag, auf die Straße bringen. Tina griff zum Telefon. Heute ist sie die Washingtoner Koordinatorin der Aktion und hält fast jedes Wochenende Vorträge über den Waffen-Wahnsinn im Land. Ihr Ziel: möglichst schnell möglichst viele Verbündete finden. "Die Schlachterei von Unschuldigen muss ein Ende haben", sagt Tina. Dafür erträgt sie es, dauernd über den Tod ihres Sohnes sprechen zu müssen.

Die Zahl ihrer Hörer wächst. Seit vor gut einem Jahr die Schießerei an der Columbine Highschool in Littleton, Colorado, bei der 14 Schüler und ein Lehrer starben, die Nation schockierte, wachen die Amerikaner langsam auf - auch wenn dieser Amoklauf nur einer von vielen war. Etwas nämlich hat sich geändert: Opfer und Täter sind nicht mehr schwarz und arm. Jetzt töten und sterben weiße Kinder aus der Mittelschicht - und die Furcht geht um in den wohl gepflegten Vorstädten. Kein Wunder also, dass die Medien plötzlich über die erschreckende Todesbilanz ihres Landes berichten: Jeden Tag sterben in den Vereinigten Staaten 14 Kinder an den Folgen von Schusswunden, mehr als in allen anderen Ländern dieser Erde. Kein Wunder, dass sich immer mehr Bürger sorgen: Fast zwei Drittel der Amerikaner wollen, dass die bestehenden Gesetze besser durchgesetzt werden, über die Hälfte fordert strengere Regulierungen.

Und je nach Umfrage befürwortet schon zwischen einem Drittel und der Hälfte ein generelles Verbot von Handfeuerwaffen - wenn auch im Stillen.

Donna Dees Thomases gehörte zu dieser schweigenden Mehrheit. Bis sie im Fernseher Bilder vom Amoklauf eines Rechtsradikalen in einem jüdischen Kindergarten sah. Da wurde der Mutter zweier Kinder der ganz normale Wahnsinn bewusst. "Ich will nicht mehr jeden Morgen Angst haben, meine Kinder in die Schule zu schicken", dachte sie, und nach Gesprächen mit Freundinnen und Bekannten kam ihr die Idee: "Wenn all die verängstigten Mütter einmal protestieren würden ..." Und so kam es, dass eine Frau, die sich nie für Politik interessiert hatte, für den Muttertag 2000 eine Demonstration in Washington anmeldete. Den Million Mom March. Es war die Initialzündung für eine Mobilmachung, wie sie in diesem Tempo nur in den USA möglich ist. Aus einem Anrufbeantworter, den zwei Großmütter hin und wieder abhörten, wuchs eine nationale Organisation mit 84 Telefonanschlüssen, Koordinatorinnen in jedem Bundesstaat und Tausenden von Freiwilligen. Den ersten Erfolg konnten die Mamas auch schon feiern: In Maryland wurde gerade ein Gesetz erlassen, das künftig Kindersicherungen für Waffen vorschreibt. Vorkämpferin war eine Mutter, die ihren Sohn bei einer Schießerei verloren hat.

Die Frauen wissen: Ihre Schwäche ist ihre Stärke