Da haben zwei Ernst gemacht. Haben inmitten des deutsch-deutschen Fremdelns und Befindelns Klartexte verfasst statt ideologischer Memoranden.

Haben sich ihre Biografien erzählt und, noch erstaunlicher, einander sogar zugehört: Kai Engelke, Schriftsteller aus Surwold im Emsland, und sein Zunftgespan Christoph Kuhn aus Halle an der Saale.

Die erste Begegnung war Zufall. 1993 reisten Engelke und Kuhn nach Dessau zu den "Literaturtagen Sachsen-Anhalt". Sie hatten Quartier in derselben Pension. Sie frühstückten, redeten, interessierten einander. Engelke schlug den Briefwechsel vor. Kuhn wünschte deutsches Zeitgeschehen zu bedenken, nicht ihrer beider Egos. Über sich selbst schreibt sowieso, wer schreibt.

"Wie gut, daß bei uns alles anders ist!" versammelt Briefe vom Februar 1994 bis zur Jahreswende 1998/99, handelt also von Neonazis, der PDS-Renaissance, Biermanns tragischer Eitelkaterei, Chiracs infantilen Atomtests, den PEN-Keilereien, den Muskelspielen der Nato, Bubis-Walser ... Dies sind, notabene, wirklich Briefe, nicht künstlich adressierte Essays zeitgeistiger Befindung. Kuhn und Engelke tauschen Lektüre, sie traktieren einander mit Kassetten ihrer Lieblingsmusiken, teils unter gröblicher Verletzung der gültigen Ost-West-Klischees. So ist es Wessi Engelke, der 1994, immerhin im würdigen Alter von 48 Jahren, sein erstes Stones-Konzert erlebt und darob Begeisterung nach Halle meldet. Ossi Kuhn (damals 44) bekundet Desinteresse, da sich die Stadion-Stones vom Guten, Wahren, Handgewirkten gigantoman entfernt hätten, und retourniert ein Band der Ost-Folkies Wacholder. Engelke schnarcht ab. Kuhn, der Christ und Pazifist, begehrt Auskunft, wie Engelke, wie überhaupt je ein Westler dem verbrecherischen Schwachsinn des Maoismus auf den Leim kriechen konnte. Engelke erklärt Zeit und Wandel und will wissen, wie Kuhn schreiben konnte in der DDR. Und so fort.

Nur selten hat man das Gefühl, hier werde statt des Briefpartners ein Dritter betextet: der künftige Leser. Der immerhin mag den beiden Korrespondenten durch manche Flaute geholfen haben. Unterwegs ging Engelke/Kuhn durchaus mal die Neugier verloren. "Ostdeutsche und Westdeutsche sind wie Skandinavier", zitiert Engelke eine Lesefrucht. "Sie haben viel gemeinsam, bleiben einander aber seltsam fremd." Kuhn, warm wie ein ostdeutscher Kachelofen: "Ausschlaggebende Unterschiede zwischen Menschen sind nicht ost-west-bedingt, sondern liegen in ihrer Natur, sind charakterlicher Art. Deine Beobachtungen bestätigen es. Und unser Zueinanderpassen, lieber Kai, doch auch."

Was diesen Episteln an Programmatik gebricht, liefert das Vorwort. "Die Fehler, die im Vereinigungsprozeß gemacht wurden, sind zahlreich", schreibt der hallesche Psychologe Hans-Joachim Maaz, "doch das Bedenklichste scheint mir, daß die einseitigen Sozialisationsfolgen sich nicht aneinander relativiert, sondern sich wechselseitig verstärkt haben. ... So hat die ostdeutsche Abwartefähigkeit die westdeutsche Machermentalität provoziert und das westliche Siegen- und Profitieren-Müssen hat das östliche Unterlegenheitsgefühl bedient." Das ist plausibel, aber Völkerkunde. Kai Engelke und Christoph Kuhn ersetzen Generalurteile durch unverbogene Individualerfahrung. Was ihnen völlig abgeht, ist die Feldherrenrhetorik der Berliner Meinungsschreiberei. Diese Briefe handeln auch vom Selbstbewusstsein randständiger Literaten, von der Regionalliga des Kulturbetriebs, von der ebenerdigen Weisheit der Provinz. Jungdynamischen Vertretern der Generation Berlin sei deshalb der Erwerb dieses uncoolen Buches ausdrücklich untersagt.

* Kai Engelke/Christoph Kuhn: