Altgediente Sozialdemokraten fragten sich lange und ohne einer tröstenden Antwort teilhaftig zu werden, warum Gerhard Schröder das alles macht: die großen Banken und Versicherungen beim Verkauf ihrer Aktienpakete vorm Finanzamt schützen, die gerechte Sache der Erbschaftsteuer verraten, die Spitzensätze der Einkommensteuer senken, den armen Trittin in Handschellen der Atomlobby ausliefern, den knickerigen Eichel seinen Spartick zulasten des kleinen Mannes ausleben lassen, jede Menge Inder ins Lan d holen, damit sie unsere Arbeitslosen nicht an die Computer lassen ... Früher, da war der Schröder doch Populist und wusste, wie und wo man die Mehrheiten fand. Aber seit er drin ist im Kanzleramt, macht er nur noch Politik für die Reichen und die Bosse.

Wären altgediente Sozialdemokraten regelmäßige Leser der Veröffentlichungen des Investmentbankhauses Merril Lynch, so fänden sie jetzt vielleicht eine Erklärung, die auch altgediente Sozialdemokraten überzeugen muss. In seinem jüngsten Welt-Reichtumsreport 2000 hat das Institut herausgefunden, dass sich im vergangenen Jahr eine Sorte Mensch so stark vermehrt hat wie nie zuvor, welche die Banker, die sich mit so was auskennen, als Ultrahoch-Netto-Wert-Individuen bezeichnen. Anders gesagt: Weltweit wächst dank Börsenboom und New Economy die Zahl der Millionäre einfach wahnsinnig.

Jetzt verstehen altgediente Sozialdemokraten auch, warum Gerhard Schröder schon seit längerem überhaupt nicht mehr von der Neuen Mitte gesprochen hat.

Die Neue Mehrheit sieht er längst anderswo. Beim Neuen Oben.