Wir wollen an dieser Stelle alle frisch gebackenen Mitglieder der Shareholder-Society Deutschland bemitleiden, die ihr Lehrgeld im Techno-Crash verloren haben - und denen allmählich dämmert, dass sie auch in schlechten Zeiten noch Rundschreiben ihres Online-Brokers bekommen. Zum Beispiel den Weekly Newsletter von Consors ("Hin und her - keine Nerven mehr"), dessen semantisch herausgeforderter Verfasser in der aktuellen Ausgabe die "Hoffnung auf eine breite Seitwärtsbewegung" des Aktienmarktes bespricht.

Davon reden umsatzhungrige Broker nämlich gern, wenn sich in Wahrheit auf absehbare Zeit gar nichts am Aktienmarkt tut. Es klingt so hübsch nach Krabbeln. Dabei wissen auch die frischesten Neuankömmlinge: An der Börse rast man entweder aufwärts oder abwärts und ruft dazu zünftig "Yahoo", oder man bleibt stecken, wo man ist. Seitwärts geht es nicht. Der Aktienmarkt ist dem Krebs weniger verwandt als dem Paternoster.

Was elegant zum eigentlichen Thema überleitet: Im Finanzmarktzentrum "City of London" boomt gerade die Frömmigkeit. Die Financial Times berichtet, dass der populäre Erweckungstheologe Nicky Gumbel ganze Heerscharen gottloser City-Spekulanten in die Holy Trinity Brompton Church gelockt hat und ihnen dort seinen "Christentum-Crashkurs" verpasst. Umliegende Kirchen freuen sich über das wachsende Spendenaufkommen. Unwahrscheinlich, dass es um Ablasshandel geht - eher hat die Sache damit zu tun, dass Beten und Abwarten derzeit wohl die beste Anlagestrategie ist. Und dass beim vielen Seitwärtskrabbeln keiner auf den falschen Weg geraten will.

Mal ernsthaft: Was bleibt moralisch ungefestigten Investoren sonst übrig, wenn sie das Häuschen ihrer Oma in Internet-Aktien verzockt haben und die Märkte sich plötzlich seitwärts verkeilen? Höchstens die Höllenfahrt zu den letzten Abenteuern der Anlagewelt, die Reise zu den hintersten Seiten des Handelsblatts, auf denen etwa die Notierungen der Warenterminbörse Hannover stehen. Da ist noch Bewegung drin. Nach ihrem großen Erfolg mit Kartoffel-Futures und Derivaten auf Schweinebäuche haben die Niedersachsen ("Immer einen Schritt voraus") seit Februar sogar brandheiße Termingeschäfte mit Altpapier im Programm. Und versprechen augenzwinkernd, dass da "Erwartungen hinsichtlich der Preisentwicklung spekulativ genutzt werden" können. Gerade jetzt, wo keiner weiß, wohin mit den ganzen Internet-Aktien.

Also lieber beten. Zur Heiligen Johanna der Schlachthöfe etwa. Alternativ könnte man auch dem Online-Broker kündigen, wieder arbeiten gehen und ehrliches Geld verdienen - wie früher. Aber okay, das wäre wirklich ein bisschen rückwärts gewandt.