Der schon mit dem Wahnsinn ringende Nietzsche hat mehrfach von sich behauptet, er sei Dynamit. In der materialreichen Nietzsche-Ausstellung, die die Stiftung Weimarer Klassik ausgerechnet ins Schiller-Museum gezwängt hat - gibt es in Deutschland eigentlich noch Menschen, die für die Ironie einer Nietzsche-Ausstellung in einem Schiller-Museum empfänglich sind? -, ist daher ein Bündel echter Dynamitstangen zu sehen. Außerdem zeigt uns die Schau Nietzsche vorrangig als Eisenbahnreisenden, quer durch die Alpen, und daher wird plausibel, dass Nietzsche die Fertigstellung des Gotthardtunnels ähnlich innig ersehnte wie heute mancher Bahnkunde die Beschleunigung der Strecke Berlin-Hamburg. Tunnels aber werden mit Dynamit durch den Fels gesprengt.

Nietzsche-Dynamit-Eisenbahn-Gotthardtunnel: die Uhr schlägt, das Käuzchen ruft, da muss doch ein Zusammenhang bestehen", das war Nietzsches Wort zu solchen Gedankenketten.

Gedanken könne man nicht ausstellen, war nun die ausdrückliche Maxime der Weimarer Ausstellungsgestalter. Doch wenn man einen Philosophen unter sorgfältiger Vermeidung von Gedanken ausstellt, kommt am Ende Spuk heraus.

Spukhaft ist der Eindruck, den dieses aufwändigste Ereignis des Nietzsche-Jahres macht, nämlich albern und grässlich. In den dachbodenhaft engen Räumen wurden angeblich über tausend Objekte untergebracht, ganz überwiegend Hinterlassenschaften von Nietzsches physischer Existenz, also Wäsche, Geschirr, die Barttasse, Hotelrechnungen, Postkarten, medizinisches Gerät, sein bordellrotes Studentensofa und - Höhepunkt des Empirismus - das Wachsmodell einer syphilitischen Primärinfektion am männlichen Glied aus dem Dresdener Hygiene-Museum. Und die Totenmaske soll noch drei bis sieben echte Barthaare enthalten.

Das liegt da nun tot und ominös herum wie die Dinge in einem Stephen-King-Roman, und wenn man versucht, den abgewetzten Kram mit irgendwelchen Sätzen und Gedanken Nietzsches in Verbindung zu bringen, die man noch im Ohr hat (Nietzsche-Gedanken darf man im Ohr haben!), dann bleibt einem der Verstand stille stehn. Da liegen die Unzeitgemäßen Betrachtungen in Sperrholzkisten und Schiffskoffern auf farbigem Knisterpapier, zwischen bunten Holzwänden, als sei's eine Kindertagesstätte der siebziger Jahre oder das Sitzungszimmer des Ältestenrates im neuen Bundesreichstag. Was mag da für ein Zusammenhang bestehen, fragt man sich gruselnd, zwischen dem Natronofen und der Ewigen Wiederkehr, aber eine Antwort darauf gibt es ebenso wenig, wie im Horror-Roman erklärt werden kann, warum der Wasserhahn Blut spuckt und der Abfluss redet.

Wenn die subalterne Sammlerwut, die sich hier der peinlichen Erdenreste des Philosophen bemächtigt hat, wenigstens methodisch sorgfältig vorgegangen wäre! Doch die Ausstellung gibt nicht einmal an, wo sie Originale zeigt und wo Kopien, ja die Beschriftungen lassen sich den Objekten (vor allem den Fotografien der Freunde und Verwandten) vielfach nur lose zuordnen

im Begleitband der Schau, einer umfänglichen Lebenschronik, werden unmittelbare Zeitzeugnisse unvermittelt neben oft Jahrzehnte später liegende Erinnerungen gerückt, was bei einem postumen Ruhm wie dem Nietzsches besonders prekär ist.