Von Hjalmar Johansen ist in den Annalen der Polarforschung kaum mehr als der Name geblieben. Doch bestimmten zwei weltberühmte Expeditionen sein Leben. Er war der einzige Mensch, der sowohl mit Fridtjof Nansen zum Nordpol als auch, 15 Jahre später, mit Roald Amundsen zum Südpol unterwegs war.

Der norwegische Historiker Ragnar Kvam hat Hjalmar Johansen eine erzählende Biografie gewidmet. Aus der Perspektive eines Mannes im zweiten Glied vermittelt er eine faszinierende Innenansicht der Polexpeditionen um die Jahrhundertwende. Nansen, Norwegens Eisheiligem, und Amundsen, dem schnellen Mann am Südpol, schlägt harsche Kritik entgegen. Kvam befreit Johansen aus dem Schlagschatten dieser Lichtgestalten.

1893 war Johansen mit dabei auf der großen Drift der Fram durchs Nordpolarmeer. Der ehemalige norwegische Meisterturner war ein zäher Arbeiter im Eis, bescheiden und mit einer Geduld gewappnet, die bei fallenden Temperaturen noch zu wachsen schien. Die vielleicht schönste Szene, die Ragnar Kvam schildert, zeigt ihn verspielt nach erfolgreicher Jagd am Lagerfeuer: "Plötzlich erhob sich Hjalmar, satt und behäbig. Im schweren Sand nahm er Aufstellung und vollführte, mit seiner Offizierskappe auf dem Kopf und halb mit Wasser gefüllten Gummistiefeln, einen Salto nach dem anderen."

Schließlich bricht Nansen mit 28 Hunden, drei Schlitten und zwei Kajaks zum Nordpol auf, sein einziger Begleiter: Hjalmar Johansen. Ein denkbar ungleiches Paar ist da unterwegs. Nansen, der Akademiker, ist streng auf Form und Distanz bedacht

Johansen ist einfach, still und stur. Abends herrscht Schweigen im Zelt, Kalter Krieg im Eis. Johansen notiert: "Dieser Kerl ist unnahbar, reizbar bei jeder Kleinigkeit und in höchstem Maße egoistisch." Ein Jahr irren sie umher, überwintern auf Franz-Josef-Land. Die Rückkehr 1896 wird zu einem Triumphzug: Mit 86ø 14' hatten sie den nördlichsten Punkt erreicht, den bis dahin je ein Mensch betreten hatte.

Johansen war nur jenseits der Polarkreise bei sich selbst: "Oh, hier hat man es so gut. Meist ist es kalt und dunkel, aber man ist frei!" In der Zivilisation kam er mit dem neuen Ruhm nicht klar, Alkoholprobleme und Geldsorgen mehrten sich. Nansen half des Öfteren und verschaffte ihm schließlich einen Platz an der Seite Amundsens. Doch als Johansen den gehetzt agierenden Expeditionsleiter wegen mangelnder Fürsorglichkeit kritisierte, behandelte Amundsen ihn wie einen Aussätzigen und schloss den erfahrensten Teilnehmer von der Expedition zum Pol und allen anderen Aktivitäten aus.

Verbittert und zum Schweigen verdonnert, kehrte Johansen vorzeitig zurück. Am 3. Januar 1913 setzte er seinem Leben ein Ende. Es war kalt, es war dunkel, aber frei war er nicht.