Sieh an, der junge Werther. Immer noch ganz der Alte: so blond, so flammend, so todessüchtig, wie man überhaupt nur auftreten kann, wenn die Textumgebung cool ist. Aber so was von cool. Wofür bei Tim Staffel natürlich gesorgt ist.

In der Rolle des Werther in New York kann Jan Krawczyk deshalb unbesorgt den Oskar Werner rauslassen, als Pop-Prinz bleibt er trotzdem einer der Unsern.

Empfindsamkeit allein ist nicht abendfüllend. Der Actionfilm schon. Dahin, und nicht wirklich nach N.Y., hat es Werthern verschlagen. Das Kommando hat Captain Picard ("Wir gehen da rein und machen sie fertig"), Gangstermaid Zoe ("Ich ficke gut") bestimmt die Tonart. "Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt" ist Biedermann Alberts erprobte Standardzeile, Lotte aber, immer noch ganz Muttchen, fährt ab auf Therapie: "Du brauchst Hilfe, Werther." In Katka Schroths unverkrampftgewitzter Uraufführungsinszenierung in der "Insel" des Badischen Staatstheaters Karlsruhe darf die juvenile Rasselbande in roten Spielzeugautos über die Laufstegbühne rasen und an ihrem Ende die Kurve kriegen oder auch nicht, darf tanzen, singen und in lässiger Pose mit den Sätzen glänzen, die Tim Staffel aus Filmdrehbüchern zum Dialog gesampelt hat.

Das ewige Leben haben sie sowieso alle, egal wie akrobatisch sie sich lieben oder schlagen. (Kein kleines Ding übrigens, die Unverwüstlichkeit virtueller Figuren auf dem wirklichen Theater zu simulieren.) Das Einzige, was einen tatsächlich umbringt, ist und bleibt das Gefühl. Was zu beweisen war. Sieht aus, als ließen sich die Autoren von den Regisseuren nicht mehr länger die Butter vom Brot nehmen: Tim Staffel hat den Klassiker mit dem Strich gebürstet. Und es hat wunderbar gefunkt.