Der Rowohlt Berlin Verlag ist bisher ein Verlag für anspruchsvolle Literatur, vor allem aus Osteuropa. Nach Auseinandersetzungen über das künftige verlegerische Profil und die Unabhängigkeit des Verlages haben die Verlagsleiterin Ingke Brodersen und zwei Lektoren das Haus verlassen. Seit wenigen Tagen ist Siv Bublitz, zuvor Programmleiterin des auf Unterhaltungsliteratur spezialisierten Wunderlich Verlages, als neue Chefin im Amt.

die zeit: In der Öffentlichkeit ist der Eindruck entstanden, Sie würden aus dem anspruchsvollen Literaturverlag Rowohlt Berlin einen Berliner Yuppie-Zielgruppenverlag machen.

Siv Bublitz: Völlig falsch. Richtig ist, dass wir auch junge deutsche Autoren gewinnen wollen. Richtig ist auch, dass wir die Frage beantworten müssen, warum man einen Verlag in Berlin hat, wenn man in Reinbek schon einen hat, das heißt, unser Programm muss sich stark vom Standort her definieren. Vor zehn Jahren war Berlin das Tor zum Osten. Heute ist Berlin im klassischen Sinn Metropole. Darunter verstehe ich einen politischen, kulturellen und sozialen Schauplatz, auf dem verschiedenartige Lebensentwürfe aufeinander treffen, auf dem Identitäten ausgehandelt werden. Berlin ist ein Kristallisationspunkt zwischen Ost und West, Vergangenheit und Zukunft, Politik und Kultur. In dieses Spektrum gehören Autoren wie Kertész und Nádas, Peter Schneider und Carola Stern genauso wie die jungen Berliner Autoren.

zeit: Der Jugend- und Berlinkult ist inzwischen kein Verlagsprofil mehr, sondern ein verlegerischer Massenartikel.

Bublitz: Was würden Sie denn machen, wenn Sie in Berlin wären und ein Programm machen müssten? Ich finde, man muss dann fragen: Was gibt es hier, was es woanders nicht gibt? Und im Moment sind es die jungen Autoren, die hierher kommen.

zeit: Rowohlt Berlin hatte ein einzigartiges Profil. Ist das neue Konzept des Breitschusses nicht ein Gesichtsverlust?

Bublitz: In einem Publikumsverlag kann man sich nicht auf ein so kleines Programm festlegen. Es stimmt nicht, dass osteuropäische Literatur hier nicht mehr erscheinen soll, aber in der Ausschließlichkeit, mit der dieser Schwerpunkt verfolgt wurde, sicher nicht mehr. Das Spektrum muss größer sein.