Benjamin Italic statt Sperrungen einverstanden weil platzsparend." Diesen dunklen Satz kabelte Max Horkheimer, der Leiter des nach New York ausgelagerten Instituts für Sozialforschung, am 8. April 1936 an die Pariser Redaktion der Zeitschrift des Instituts. Das Telegramm bildete den versöhnlichen Schlusspunkt einer äußerst angespannten Verhandlung um die Druckfassung (des französischen Texts) von Walter Benjamins Aufsatz über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. In letzter Minute, nachdem alle politischen Streitpunkte aus der Welt geschafft waren, hatte Benjamin auf weitgehende formale Änderungen gedrängt unter anderem sollten alle durch Sperrung erfolgten Hervorhebungen nun durch kursive Passagen - französisch italiques - ersetzt werden. Die entnervten Mitarbeiter beruhigte Horkheimer mit dem höchst praktischen Argument, dass dadurch 35 Zeilen eingespart werden würden.

Eigentlich aber, könnte man meinen, müssten die Philosophen ohne Unterstreichungen auskommen können. Denn, wie eine klassische Regel besagt: "In einer guten Prosa ist jedes Wort betont" - wenn auch nicht jedes genauso wie die anderen. Diese Sentenz etwa hebt das Wort "Wort" durch seine Stellung am Ende des Satzes besonders hervor. Wie kommt es dennoch zu dem fast unentwegten Gestikulieren mit gesperrten oder kursiven Ausdrücken und Passagen, das für die gedruckte Rede der Philosophie heute wie gestern so kennzeichnend ist?

Neben der Unfähigkeit, rhythmisch klare Sätze zu bilden, liegt eine Hauptursache in schierer Schlamperei. Viele der philosophischen Texte, die heute veröffentlicht werden, sind zuerst Vorträge oder Vorlesungen gewesen.

Für die Vortragenden ist es hilfreich, eine reich markierte Vorlage zu haben, die sie beim Sprechen unterstützt. Leider bleiben diese Markierungen im gedruckten Text oft stehen. Hat man im deutschen Sprachraum einmal das Glück, wirklich einen Vortrag und nicht ein verstümmeltes Buchmanuskript zu hören, erhält man bei der Publikation zur Strafe ein Redemanuskript anstatt eines ausgefeilten Texts.

Aber es gibt auch ein sachliches Argument für typografische Unterstreichungen. Um viele Ecken herum stammt es von Platon. Der sah die Schwäche philosophischer Schriften in ihrer übermäßigen Duldsamkeit gegenüber den Launen der Leser. Darum versuchte er seine Dialoge jeder flüchtigen oder selektiven Lektüre gegenüber unzugänglich zu halten in diesem Sinn sind sie durchweg gesperrt geschrieben, auch wenn sie keine einzige Sperrung enthalten.

Die heute verbreitete Technik der Kursivierung folgt einer veränderten Strategie. Sie versucht dem Leser die nach Meinung des Autors entscheidenden Passagen nachdrücklich vor Augen zu führen. Diese Leserlenkung kennt Gewichtskategorien wie sonst nur das Boxen. In der Nachfolge des Altmeisters Karl-Otto Apel dürfte im deutschen Sprachraum derzeit der Berliner Philosoph Volker Gerhardt der amtierende Champion aller Klassen sein. In seinem Traktat über Selbstbestimmung (Reclam-Verlag, Stuttgart 1999) finden sich nicht nur zahllose kursive Sequenzen, innerhalb dieser Sequenzen werden die entscheidenden Worte oft nochmals im Fettdruck präsentiert. Das erinnert an die wilden siebziger Jahre, in denen Oskar Negt und Alexander Kluge in ihrem Buch über Öffentlichkeit und Erfahrung das tiefschwarze Wort erstmals in die Höhen der Theorie eingeführt haben.

Manche Leser haben das schon damals als Zumutung empfunden - bis sie sich daran erinnerten, dass ihnen dieser offensive Stil erst recht die Freiheit gibt, Widerstand gegen die Autorität der Autoren zu leisten. (Schließlich hat es auch Kant und Nietzsche nur wenig genutzt, dass sie mit Sperrungen um sich warfen: Die Zweifel gerade an ihren stärksten Behauptungen sind darum nicht leiser geworden.) Die ohnehin vergebliche Kontrolle der Lesenden aber ist gar nicht die entscheidende Tugend dieser starken Gesten. Sie sind vor allem ein Zeichen intellektuellen Mutes. Wer Sätze und Sequenzen kursiv setzt, exponiert sich in einem gesteigerten Maß. Er hält mit seinen geheimsten Gedanken nicht hinterm Berg, taucht nicht in Fußnoten ab, weicht nicht in Anspielungen aus, flieht nicht in das Nirwana ungeschriebener Lehren, sondern risikiert offene Ablehnung, wo andere auf stillschweigende Zustimmung hoffen.