Die amerikanische Linke hat es wahrlich nicht leicht gehabt in den Clinton-Jahren, in denen die Regierung für ihre "neoliberale" Politik mit einer schwungvollen Konjunktur belohnt wurde. Der Preis des Booms war die Entpolitisierung. Man verlegte sich von Fragen der Ungleichheit und Gerechtigkeit auf Fragen von Identität und Differenz, Lebensstil und Etikette. Die volkstümlich-patriotische und klassenkämpferische amerikanische Linke starb ab, und übrig blieb, wie am eindringlichsten Richard Rorty beklagte, eine reichlich blasse "kulturelle Linke".

Dann kamen die Tage von Seattle, November 1999: 50 000 Demonstranten versetzten die Stadt während der Konferenz der Welthandelsorganisation WTO in den Ausnahmezustand. Keiner hatte mit einer so breiten Koalition von Umweltgruppen, kirchlichen Kreisen, Gewerkschaften bis hin zu dem schwarzen Block der Anarcho-Punks gerechnet.

Nun werden allerorten die Hausaufgaben gemacht: Die "New New Left" will begriffen sein. Der New Yorker hat den Aktivisten einen Reporter hinterhergeschickt, die New Republic und Dissent debattieren über den theoretischen Gehalt der Statements und Aktionen.

William Finnegan beschreibt im New Yorker mit Befremden und Sympathie die Reise einer fahrenden Truppe von jungen Leuten, die wie Moritatensänger durchs Land ziehen und die Menschen über das böse Wirken von IWF, Weltbank und WTO aufklären. Die Bewegung, die sich als anarchistisch versteht, hat keine Führerfiguren. Sie ist ein Netzwerk von Netzwerken, zusammengehalten von wohl ausgebildeten, franziskanisch gesinnten Leuten unter 30, denen ganz andere Karrieren offen stünden.

Was ist mit der Randale, ohne die Seattle nicht solchen Schrecken hätte auslösen können? Rachel Neumann versucht sich in Dissent an einer Rechtfertigung der "Gewalt gegen Sachen" - mit altbekannten Argumenten über die "strukturelle Gewalt" der kapitalistischen Verhältnisse. Im linken Protest müsse es auch einen "Raum für die Wut" geben.

Dabei wird vorausgesetzt, dass die in Seattle und jüngst in Washington zutage tretende Wut sich aus lauteren Quellen speist. Einzig die New Republic meldet Zweifel an, ob der maschinenstürmerischen Verve der Demonstranten eine wirkliche Analyse des Welthandelssystems zugrunde liegt. Sie verweist auf eine tiefere Ironie: "Die Durchsetzung höherer Standards für Menschenrechte und Umweltschutz braucht stärkere, nicht schwächere internationale Institutionen. Wir wissen, warum die Abschaffung von IWF und Weltbank von den absolutistischen Verfechtern freier Märkte propagiert wird. Aber wie um alles in der Welt konnte sie zur Orthodoxie der Linken werden?"