Der Euro ist zu tief gesunken. Zwar rechnen dieselben Großbanken, die vor 18 Monaten einen Anstieg des Euro auf 1,20 US-Dollar vorausgesagt hatten, nun mit einem Fall des Euro unter die Marke von 0,90 US-Dollar. Da Empfehlungen dieser Banken aber normalerweise Signale in die gegenläufige Richtung setzen, sollten kluge Investoren die neuesten Prognosen als Wink verstehen, jetzt Dollar zu verkaufen und Euro zu kaufen. Obwohl sich Gerhard Schröders Vorhersage vom März 1998, die Währungsunion werde eine "kränkelnde Frühgeburt" sein, als zutreffender erwiesen hat als die Prognosen der meisten Finanzexperten, sollte der Kanzler der Euroschwäche nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Immerhin wirkt sie sich positiv auf Deutschlands und Europas Wirtschaft aus.

Wichtiger sind die Fragen nach den Ursachen für die Schwäche der neuen Währung. Der Fall des Euro wurde nicht nur dadurch verursacht, dass europäische Anleger ihre Mittel lieber in Regionen mit höheren Wachstumsraten wie den USA und den asiatischen Märkten investieren. Zusätzlich scheinen die europäischen Unternehmen ihren Heimatmarkt noch immer nicht als attraktiven Standort anzusehen. Das erklärt den andauernden Kapitalabfluss aus dem Euroraum und die allgemeine Abneigung nichteuropäischer Unternehmen, in Europa zu investieren.

Ein weiterer Grund für die Währungsschwäche ist der bekannte Geburtsfehler des Euro: Die Bündelung der Währungen von elf politisch grundverschiedenen europäischen Staaten gibt diesen sicherlich ein größeres wirtschaftliches Gewicht und schützt die Einzelnen vor den Auswirkungen von Wechselkursschwankungen. Doch es bedeutet auch, dass der Markt auf Anzeichen politischer Zersplitterung skeptisch reagiert. Die jüngste italienische Regierungskrise, die Zweifel daran, ob Spanien 1997 tatsächlich die Maastricht-Kriterien erfüllt hat oder auch die neuesten Meinungsverschiedenheiten über den Beitritt Griechenlands zum Euro sind psychologische Faktoren, die auf der Währung lasten.

Vor diesem neuen Hintergrund stoßen alte Skeptiker der neuen Währung wie Wilhelm Nölling und Juergen Donges in den deutschen Medien jetzt auf offenere Ohren als noch vor zwei Jahren. In Großbritannien haben die Äußerungen der deutschen Kritiker zu einer noch entschiedeneren Haltung gegen einen Beitritt zur neuen Währung beigetragen. Oberflächlich betrachtet mag das überraschen: Bei einem absurd überbewerteten Kurs von 3,35 Mark befindet sich das Pfund auf einem äußerst wettbewerbsunfähigen Niveau. Das trifft nicht nur bekannte Unternehmen wie Rover, sondern Tausende kleinerer britischer Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, die, wie etwa die Tourismusbranche, auf die Einkünfte vom Festland angewiesen sind.

Angesichts dieser Umstände könnte man erwarten, dass die Rufe nach entschiedenen Schritten Tony Blairs zur Vorbereitung eines Eurobeitritts lauter werden, um so das Pfund zu drücken und die Industrie zu entlasten.

Nichts dergleichen geschieht. Jene Stimmen der britischen Wirtschaft, die sich für den Euro aussprechen, sind wesentlich leiser geworden. Die wichtigste Lobbygruppe für den Euro, Britain in Europe, hat sich fast völlig zurückgezogen. Der Grund: Großbritannien hat eine Reihe deutscher Lehren aus den vergangenen 40 Jahren gezogen. Auch wenn ein hoher Wechselkurs für große Teile der Wirtschaft unangenehm ist, dämpft er doch die Kosten und bietet einen Anreiz für höhere Produktivität. Außerdem wäre die der Übernahme der neuen Währung folgende Abwertung des Pfund Sterlings um etwa 20 Prozent die schlechtestmögliche Begründung für eine rechtlich verbindliche Zusage zum Eurobeitritt. Wollte die Bank of England das Pfund abwerten, könnte sie das auch ohne Eurobeitritt tun: nämlich indem sie die Zinssätze um 2 Prozentpunkte verringerte und damit die Inflationsrate auf 5 oder 6 Prozent steigen ließe. Die Bank tut dies nicht, weil sie zu Recht glaubt, eine solche Maßnahme diene der britischen Wirtschaft auf längere Sicht ganz und gar nicht.

David Marsh ist Stellvertretender Vorsitzender von Hawkpoint Partners