In Berlin wurde soeben der "Optionismus" ausgerufen. Es geschah naturgemäß im Bezirk Mitte, in der überaus arrivierten, aber doch schon ein wenig um ihre Hipness kämpfen müssenden Galerie Kunst-Werke von Klaus Biesenbach. Es war ein typisches Berliner-Mitte-Debatten-Kunst-Event: schick, aber langweilig, aufgeregt, aber unpräzise. "Optionismus" hat damit zu tun, dass in unserer modernen Welt alles zu Oberfläche geworden ist (wegen Medien, Konsum), hinter der sich keine Tiefe mehr verbirgt. Wir Bewohner dieser Oberflächenwelt müssen uns wählerisch im Überangebot verhalten, uns aber auch selber auf dem Markt der Reize positionieren. Ist das nun Freiheit, ist es Anpassung? Große Frage.

Jedenfalls zeigt sich hier ein neues Metaphernfeld, die Börse mit ihrem Optionshandel. Es drängt andere soeben noch angesagte Bezugssprachen in den Hintergrund

gewiss, hinter den Oberflächen ist immer noch die "Benutzeroberfläche" des PC-Users hörbar, aber die Finanzwelt ist momentan doch entschieden sexyer als die Computermetaphorik. Was wird als Nächstes kommen? Vermutlich die Biotechnologie, namentlich das Genom. Das hat einen Plus-minus-Code wie die im Internet vernetzten Rechner und, jawohl, die Börse. Wenn die Birne weich ist, wird daraus eine Weltformel: Es hängt alles mit allem zusammen.

Frappierend ist etwas anderes. Seit sich die zeitgenössische Kunst vor allem als Konzeptkunst begreift, hat sie es mit Gedanken oder mindestens Einfällen zu tun. Damit aber begibt sie sich auf ein gefährliches Gebiet, denn Gedanken sind rar. Meistens ist längst bereits gedacht und auch schon ausformuliert, was dem jungen Künstler durch die Rübe rauscht. Nur, und das ist die erstaunliche Erfahrung, er weiß es nicht, und niemand sagt es ihm. Man solle den Nordpol nicht zweimal entdecken, pflegten früher die Professoren ihre Studenten zu ermahnen. In der Konzeptkunst und den sich um sie rankenden Debatten wird nun unentwegt der Nordpol neu entdeckt.

Die Optionisten entdecken gerade, dass die "reale" Geschichte von ihren medialen Aufbereitungen ersetzt werde. "Die Sonnenallee ersetzt die DDR, Auschwitz wird Schindlers Liste", erklärt Klaus Biesenbach. Welche Einsicht!

Schon die Perserkriege wurden zu Herodot, während die Kämpfer von Marathon längst verschimmelt sind. Neu ist nicht die Erfahrung, dass Geschichte verschwindet, Erinnerung auch, um in medialen Gedächtnisträgern mumifiziert zu werden, sondern die Vermehrung der Medien. Kunst heute ist gar nicht so sinnlich, wie ihre Installationen und Videos gern behaupten. Meist besteht sie nur aus abgelatschten und abgetanzten Gedanken.