"Reform-Islam und die moderne Gesellschaft" lautete der Vortrag, den der liberale iranische Geistliche Hodjatoleslam Eshkevari auf der von der Heinrich-Böll-Stiftung organisierten Berliner Iran-Konferenz halten wollte.

Massive Störungen von radikalen Regimegegnern hinderten ihn daran, seinen Vortrag über das Verhältnis von Religion, Staat und Moderne zu Ende zu bringen. Nach seinem Vortrag auf der Berliner Konferenz wurde gegen Eshkevari, einen der bekanntesten Reformkleriker seines Landes, von iranischen Behörden Haftbefehl erlassen. Zur Zeit befindet sich Eshkevari in Europa.Wir drucken den inkriminierten Vortrag in einer leicht gekürzten Fassung

Die Reformbewegung im Islam blickt auf eine über hundertjährige Tradition zurück. Die Vordenker dieser Bewegung werden als mosleh (Versöhnler) bezeichnet. In den islamischen Enzyklopädien werden unter dem Begriff eslah (Reform) die Inhalte dieser Bewegung geschildert und als deren bekannteste Vertreter unter anderen Said Djamaleddin Assadabadi, Mohammad Abdeh Mesri, Eghbal Lahuri, Mehdi Bazargan und Ali Schariati genannt.

Ziel dieser Reformbewegung war zunächst die Verbesserung der Lage der Muslime und deren Befreiung aus der Sackgasse der gesellschaftlichen Rückständigkeit.

Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Muslime mit der neuen westlichen Kultur und Zivilisation und dem westlichen Kolonialismus in Berührung. Dabei spürten sie einerseits im Vergleich zum Westen ihre eigene technischwissenschaftliche Rückständigkeit und fühlten sich andererseits in vieler Hinsicht seitens des Westens bedroht. Dies lieferte für viele Geistliche und Intellektuelle den Anlass, über die eigene Situation nachzudenken und nach Lösungen ihrer Probleme zu suchen. Es wurden zahlreiche Thesen und Programme formuliert.

Eine Gruppe unter den muslimischen Erneuerern, die sowohl mit der Tradition und Geschichte des Islam vertraut war als auch den Westen und seine Entwicklung gut kannte, insbesondere sich Kenntnisse über die Zeit der Renaissance und den Protestantismus erworben hatte, gelangte zu dem Schluss, dass jede gesellschaftliche Entwicklung zunächst eine gründliche Kenntnis des Islam und dessen Reinigung vom Aberglauben voraussetzt. Demnach sollte die Religion mithilfe der kritischen Vernunft neu belebt, eine andere Sichtweise des Koran und der Einheit Gottes gewonnen und durch Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse die Rückständigkeit beseitigt und Fortschritt und Entwicklung erzielt werden. In den letzten hundert Jahren wurden diese Erkenntnisse durch die islamischen Reformer in Ägypten, Indien, der Türkei und dem Iran gewonnen und in diversen Schriften veröffentlicht.

Was gegenwärtig im Iran unter Reform des Islam verstanden wird, ist nichts anderes als die Fortsetzung dieser geistig-gesellschaftlichen Bewegung, einer Bewegung, die jedoch den heutigen Verhältnissen und gesellschaftlichen Bedürfnissen entsprechend neue Lösungen und Antworten zu liefern versucht.