Mobilität war immer ein Thema für Weltausstellungen. 1900 wurde in Paris die Wuppertaler Schwebebahn präsentiert. 1906 war in Mailand die Fertigstellung des Simplontunnels zentrales Ereignis. 1958 bestaunte man in Brüssel im sowjetischen Pavillon Sputnik 1 und 2. Warum Mobilität im Jahr 2000 wieder ein Thema ist, das wird den Besuchern der Expo 2000 niemand erklären müssen. Wenn kein logistisches und verkehrstelematisches Wunder geschieht, werden die Leute auf dem Weg nach Hannover am Morgen eine Stunde im Stau gestanden oder - ölsardinengleich gequetscht - die Anreise in vollen Zügen genossen haben. Und am Abend wird man noch mehr über die Kosten der Mobilität wissen: Die Füße werden weh tun, weil wieder niemand an Fußmassagematten oder ähnliche Annehmlichkeiten gedacht hat. Dem Gebildeten wird der Satz von Pascal in den Sinn kommen: "Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht still in einem Zimmer bleiben können." Die weniger Gebildeten werden den Satz in einer Broschüre der Expo gelesen haben.

Mangelnde Distanz zu ihren Themen soll der Expo niemand nachsagen können.

Mobilität ist - neben Gebieten wie Ernährung, Gesundheit, Umwelt, Energie und Kommunikation - eines der elf großen "Zukunftsthemen", welche die Expo 2000 ab dem 1. Juni dieses Jahres als Eigenbeitrag im so genannten Themenpark vorstellen wird. In Halle vier, am Rand des Themenparks, hat die Zukunft der Arbeit ihren Platz daneben Wissen, Information, Kommunikation. Und dann kommt, auf zwei Ebenen mit etwa 5000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, die Mobilität: mobile (!) Bildschirme, fulminante Projektionen, dramatische Lichteffekte, suggestive Bilder im "längsten Kino der Welt", eine virtuelle nächtliche Verkehrssituation und berauschende Ausblicke auf eine schöne, satellitengesteuerte Zukunft. Wer vor dem Eintritt beim Stichwort Mobilität noch an Stau, Verkehrstote und qualmende Auspuffrohre dachte, soll beim Verlassen nur noch "wow!" hauchen. 3000 Besucher aus aller Welt werden hier in einer halben Stunde durchzuschleusen sein, zwölf Stunden am Tag, jeden Tag der Woche, fünf Monate lang. Da ist kein Platz für gedankenschwere Diskurse.

Wenn alles klappt, entstehen in der vom "Stararchitekten" Jean Nouvel (Kaufhaus Galeries Lafayette in Berlin) inszenierten Ausstellung Gefühle.

Wenn es gut klappt, große Gefühle.

Nicht dass man nicht nachgedacht hätte. Im Auftrag der Expo befasst sich seit vier Jahren das Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund mit Mobilitätskonzepten, "nachhaltiger" Mobilität und einem erweiterten Mobilitätsbegriff, der auch Schnecken und Fische einbezieht. Doch kluge Expertisen sind das eine das andere ist, was nach der Diskussion mit den (industriellen) Geldgebern und den Edutainment-erprobten Ausstellungsprofis davon übrig bleibt. Stefan Iglhaut, ehemaliger Mitarbeiter der Siemens-Kulturabteilung und seit 1996 Leiter des Themenparks, mag nur andeuten, dass es "Reibungen" gab. Zuletzt wurden aus wissenschaftlichen Begleittexten "Botschaften". Für Axel Kuhn und Christoph Vornholt vom Fraunhofer-Institut sind die Botschaften "Grundlage für eine Ausstellung, in der Bilder statt Worte sprechen, in der großartige visuelle Erlebnisse weitreichende Gedanken produzieren".

Zur Einstimmung wird der Besucher da abgeholt, "wo er steht": Der Besucher, eine spiralförmige Rampe hinabsteigend, denkt bei Mobilität nämlich nur an Verkehr. Die Ausstellung begrüßt ihn deshalb in der "Hall of Wheels" mit Großprojektionen zum Thema Rad an der Hallendecke. Es handele sich, teilen die Veranstalter mit, um eine "Hommage an die Schlüsseltechnologie des Rades". Und eine Hommage an Continental, darf man hinzufügen. Denn der Reifenhersteller ist "Partner" und darf seine Entwicklung eines "intelligenten Reifens" vorstellen, der von selbst merkt, wenn das Auto aus der Kurve zu fliegen droht. "Sachtes Product-Placement" nennt das Themenparkchef Iglhaut, "rein inhaltlich motiviert".