Die Vereinigten Staaten feiern den längsten Wirtschaftsaufschwung ihrer Geschichte. Die Sorgen und Probleme der frühen neunziger Jahre sind vergessen. Heute sind Erfolgsdaten zu vermelden: nur vier Prozent Arbeitslosigkeit, niedrige Inflationsraten, kräftige Haushaltsüberschüsse und auch nach neun Jahren Aufschwung keine Spur von Wachstumsmüdigkeit.

Schattenseiten? Gewiss, da sind Rekordaußenhandelsdefizit und -außenverschuldung, sinkende gesamtwirtschaftliche Sparquote und vor allem eine beunruhigende Verschuldung der Konsumenten. Aber warum sollte man damit nicht fertig werden? Wenn das Ausland den Amerikanern Geld leiht, ist das doch letzten Endes Ausdruck des Vertrauens in die Zukunft der amerikanischen Volkswirtschaft.

Ein Vertrauen, das allerdings überraschen muss, wenn man die folgenden zwei Aspekte berücksichtigt. Erstens: Vergleicht man den gegenwärtigen langen Aufschwung mit früheren amerikanischen Boomphasen in den sechziger und achtziger Jahren, so zeigt sich, dass er gar nicht so großartig ist. Die Produktivitätssteigerungen fallen nicht höher aus als früher, Beschäftigung und Einkommen entwickeln sich dieses Mal sogar eher schwächer. Bezüglich der Inflationsraten ist die Bilanz etwas besser. Dazu hat zum einen die ungewöhnliche Lohnentwicklung - bis etwa 1997 stagnierten die Reallöhne - beigetragen. Zum anderen der "Deflationsimport" im Zuge der Asienkrise sowie die um 30 Prozent gesunkenen Preise für Computer und die Aufwertung des US-Dollar. Folgendes sollte man ebenfalls nicht aus dem Auge verlieren: Die Amerikaner haben ihre Inflationsmessung umgestellt. Das drückt die Preissteigerungsrate um immerhin einen Prozentpunkt.

In sektoraler Perspektive relativiert sich die Einmaligkeit des Aufschwungs ebenfalls, konzentriert er sich bislang doch sehr auf den Informations- und Kommunikationssektor und die Dienstleistungen, insbesondere für Gesundheit und Ausbildung. Die traditionellen Industriebereiche expandieren dagegen eher unterdurchschnittlich. Wirklich überlegen ist die Bilanz der Clinton-Jahre nur beim Haushaltsdefizit, wobei aber die 200 Milliarden Dollar "Friedensdividende" nach dem Ende des Kalten Krieges willkommene Unterstützung leisteten. Der derzeitige Boom mag also beeindruckend sein.

Historisch außergewöhnlich ist er nicht.

Zweitens: Die Stärke des Aufschwungs relativiert sich weiter, wenn man berücksichtigt, dass ja nicht Amerika für den Boom verantwortlich ist, sondern die Amerikaner. In den vergangenen 30 Jahren wuchs die US-Bevölkerung um rund 2,3 Millionen pro Jahr, je zur Hälfte verursacht durch Zuwanderung und Geburten. Privater Verbrauch, Wohnungsbau, aber auch die Aufwendungen für Ausbildung wurden dadurch angeregt. Die Einnahmen des Staates und der sozialen Sicherungssysteme stiegen stärker als die Ausgaben. In einzelnen Arbeitsmarktsegmenten wurden Lohndruck gebremst und Engpässe beseitigt - was übrigens auch zu den deutschen Erfahrungen mit Zuwanderung zählt. Bereinigt man nun die Wachstumsrate der amerikanischen Wirtschaft um diesen demografischen Faktor, errechnet man also das Pro-Kopf-Wachstum, so ergibt sich für den Zeitraum 1991 bis 1999 für die USA eine durchschnittliche Pro-Kopf-Wachstumsrate von rund 2,3 Prozent. In Deutschland liegt die entsprechende Zahl bei immerhin 2,0 Prozent, von 1990 bis 1999 lag das deutsche Pro-Kopf-Wachstum mit 2,4 Prozent sogar um 0,2 Prozentpunkte über dem der USA. Natürlich ist nur eine dynamische, starke Ökonomie imstande, eine wachsende Bevölkerung in den Arbeitsmarkt zu integrieren.

Nichtsdestoweniger zeigen die Zahlen, dass der durchschnittliche Amerikaner kaum mehr erwirtschaftet als der durchschnittliche Deutsche. Was folgt aus alledem? Der derzeitige Aufschwung in den USA ist weniger eindrucksvoll als weithin verkündet, die amerikanische Wirtschaft nicht so überlegen wie gemeinhin behauptet. Ob die so genannte New Economy die Inflation dauerhaft zum Verschwinden bringt, wie manche aufgrund der Erfahrungen der vergangenen drei Jahre behaupten, wird sich erst noch herausstellen. Ebenso wie die langfristigen Auswirkungen des Außenhandelsdefizites und der niedrigen Sparquote. Wichtigstes wirtschaftspolitisches Kennzeichen des derzeitigen Booms ist die Haushaltskonsolidierung, mit der die Voraussetzungen für niedrige Zinsen geschaffen wurden. Diesen Weg hat mittlerweile auch Europa eingeschlagen, Deutschland angesichts der noch immer beträchtlichen Lasten der Wiedervereinigung sogar in sehr viel ehrgeizigerer Weise als die Vereinigten Staaten. Kurz, Wunder sollten schon etwas länger andauern, ehe man an Seligsprechung denkt.