DIE ZEIT: Auf dem gerade zu Ende gegangenen Kongress "Psychoanalyse und Zeit" der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft haben Sie für die Langeweile plädiert. Warum?

URSULA KREUZER-HAUSTEIN: Negative Assoziationen zur Langeweile sind eine Folge der Aufklärung. Arbeit wurde als bester Ausdruck des aufklärerischen Ideals verstanden, zur selbst bestimmten Mündigkeit zu kommen. Die "lange Wiele" - davor ein reiner Zeitbegriff - wurde nun als unangenehme Empfindung der leeren, geschäftslosen Zeitdauer definiert. Doch heute ist die wenigste Arbeit noch Ausdruck selbst bestimmter Mündigkeit. Daher gab der Schwiegersohn von Karl Marx, Paul Lafargue, die Devise aus: Jeder hat ein Recht auf Faulheit!

KREUZER-HAUSTEIN: Wir wollen in die Zeit, die uns zur Verfügung steht, immer mehr hineinpacken. Bewusster Umgang mit der Zeit muss die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten einschließen.

ZEIT: Mehr Muße - gerne. Aber müssen wir uns dabei langweilen?

KREUZER-HAUSTEIN: Muße ist eine gefüllte Zeit zwischen zwei Arbeitsperioden. Langeweile wird dagegen als destruktiv empfunden, als quälende Spannung. Aber wenn wir Langeweile tolerieren, dann entsteht eine Situation, in der wir uns treiben lassen. Alles ist im Fluss. Daraus kann sich etwas Interessantes entwickeln. Das ist bei Kindern schön zu beobachten. Sie langweilen sich und kommen dann plötzlich darauf, was sie gern tun wollen. So gesehen, hat Langeweile ein sehr kreatives Potenzial.

ZEIT: Warum wollen wir dann permanent Langeweile vermeiden?

KREUZER-HAUSTEIN: Weil sie zunächst unangenehm ist. In der Psychoanalyse wird Langeweile zum Beispiel als Abwehr von Triebwünschen gesehen. Wenn Triebe aufgrund von Tabus unterdrückt werden, kann man in Langeweile verfallen, um seine eigentlichen Wünsche nicht mehr wahrnehmen zu müssen. Langeweile ernst zu nehmen könnte auch bedeuten, dass wir uns mit Fragen der Sinnlosigkeit, der Leere, dem Tod auseinander setzen müssten. Sich einer Todesstimmung hinzugeben kann wieder Kraft geben, sich dem Leben zuzuwenden.

KREUZER-HAUSTEIN: Die Überbewertung von Aktivität ist in unserer Gesellschaft so etwas wie ein Fetisch. Das ist selbst bei alten Menschen zu beobachten. Wenn Senioren einen Wert haben sollen, müssen auch sie unentwegt beschäftigt sein. Und Studenten glauben, sofort nach dem Studium eine Anstellung haben zu müssen, weil sonst eine Lücke im Lebenslauf entstünde.

ZEIT: Was hat das für Folgen?

KREUZER-HAUSTEIN: Der Zeitdruck verstärkt meist vorhandene seelische Schwierigkeiten. Es sind vor allem immer öfter narzisstische Störungen zu beobachten. Der eigene individuelle Wert wird daran gemessen, ob man tätig ist oder nicht.

ZEIT: Und wie steht es mit den jungen Dynamischen, die unter Termindruck und knapper Zeit leiden?

KREUZER-HAUSTEIN: Wer sich mit Arbeit eindeckt, merkt oft erst spät, dass er ein Problem hat. Rastlose Tätigkeit dient nicht selten dazu, unterschwellige seelische Konflikte zu überdecken. Viele überaktive Menschen sind von ihrer Grundstruktur her ängstlich. Sie fürchten unbewusst, dass sie bei mehr Ruhe diese Angst oder gar eine depressive Struktur in sich entdecken könnten.

ZEIT: Und diesen hyperaktiven Managern raten Sie zur Langeweile?

KREUZER-HAUSTEIN: Für gewöhnlich steckt man in einem fast zwanghaften Ablauf des Zeitfüllens. Langeweile kann man ja nicht beschließen. Sie kommt als unangenehme Stimmung. Den Überaktiven rate ich, sich einmal zu fragen: Warum mache ich das eigentlich? Um sich Klarheit zu verschaffen, sollten sie mit dem Partner und mit Freunden darüber sprechen. Häufig stellt sich heraus, dass man selbst und alle Menschen in der Umgebung mehr davon haben, wenn man sich weniger Termine aufhalst, sich Ruhepausen gönnt.

Das Gespräch führte Harald Raab