Früher war Christa Klar Lehrerin für Mathe und Physik, und ihre Augen werden lebhaft, wenn sie davon erzählt. Sie hat klare hellblaue Augen, in denen man schnell erkennen kann, ob sie ein Thema mag. Die Experimente! Wie man mit einer vollen Milchkanne, im Kreis geschwungen, den Schülern etwas über Satellitenumlaufbahnen beibringen konnte (weil die Milch in der Kanne blieb). Wie sie manchmal sogar die Alarmglocke ausgelöst hat, weil sie morgens um sechs in die Schule kam, um in Ruhe ihre Versuchsreihen vorzubereiten.

Wie hat ihr Beruf ihre Denkweise geprägt?

Sie überlegt und sagt, was ich nicht leiden kann, ist, wenn Behauptungen aufgestellt werden, ohne dass die Leute die Beweisführung haben. Da bin ich ganz kiebig.

Während ihres Philosophikums in Freiburg sollte sie zum Beispiel über Friedrich Nietzsche referieren, ich konnte seine Sachen ohnehin kaum ertragen. Sie bemängelte, Nietzsche hätte eine Behauptung einfach in die Welt gesetzt, ohne das beweisen zu können. Der Professor habe ihr das nachgesehen, der wusste ja, aus welchem Fach ich kam.

Später, als Lehrerin, würde sie dasselbe von ihren Schülern verlangen. Wenn jemand behauptet, das ist ein dummer Kerl, dann beweis mir das doch: Wie kommst du darauf, aus welchen Gründen ist das so? Es muss schon der Versuch gemacht werden, es logisch herzuleiten. Dann würde sie es akzeptieren.

Die Pädagogin, die neben mir im Zug von Karlsruhe nach Aichach sitzt, ist die Mutter von Christian Klar, 47, einem der bekanntesten und damals gefährlichsten RAF-Terroristen, seit 18 Jahren im Gefängnis, kein Ende in Sicht.

Man könnte sagen, dass er sein halbes Erwachsenenleben lang versucht hat, eine Behauptung zu beweisen - in Briefen aus dem Gefängnis, in langen Sätzen, in kleinen Buchstaben -, die er als junger Mann aufgestellt hat: dass man das System mit Gewalt bekämpfen musste.