"Chatwin? Sie meinen Bruce Chatwin, den Reiseschriftsteller?" - Der Mann nimmt einen kurzen Schluck aus seinem Bierglas und stellt es auf dem Bierdeckel ab, der die Umrisse Australiens hat. "Damit Sie es wissen: Von dem halte ich gar nichts. Und es gibt hier eine Menge Leute, die Lust hätten, diesem Schnösel eins hinter die Löffel zu geben." Wir sitzen an der Bar einer Art Western Saloons, den irgendjemand hierher, ins heiße rote Herz Australiens, verlegt hat: eine Kneipe mit Holztischen, Country-Musik und einer Küche, die als Spezialität Känguru mit brauner Bratensoße serviert. "Chatwin war ein ziemlich übler Bursche, ein Wichtigtuer, der sich hier bei den Leuten eingeschmeichelt hat, um sie dann in seinem Buch in die Pfanne zu hauen", mischt sich ein anderer Tresennachbar ein, weiße Bartstoppeln im Gesicht. "Der Kerl sollte sich hier nie wieder sehen lassen. Wir würden ihm schnell klarmachen, was man in Alice Springs von ihm hält."

Sehen lassen kann sich Bruce Chatwin in Alice Springs nicht mehr und auch nicht anderswo. Er starb im Januar 1989 an Aids, obwohl er, ganz in Chatwin-Manier, vor seinem Tod behauptet hatte, ihn raffe eine seltene Rückenmarkskrankheit hinweg, die er sich beim Genuss eines tausend Jahre alten chinesischen Eies geholt habe. Chatwin, der Mythomane - immerhin brachte er es innerhalb weniger Jahre zu beträchtlichem Ruhm, vielen gilt er gar als Heiliger der Reiseliteratur. Spätestens seit seinem Buch In Patagonien und seit den aufsehenerregenden, aufwühlenden Traumpfaden, einer Reiseerzählung und Deutung der Kultur der australischen Aborigines. Wer heute von Deutschland nach Australien aufbricht, hat dieses Buch meistens im Gepäck; noch nie, so scheint es, hat ein ausländischer Schriftsteller das Bild eines Landes so sehr bestimmt und so inszeniert, wie es Chatwin dank seiner Traumpfade mit Australien getan hat. Nur vor Ort, in Alice Springs und den angrenzenden Gebieten, scheint man den Mann nicht zu goutieren, der schon Millionen Touristen hierher gelockt hat.

Ein hässliches Bild, das er schon Mitte der achtziger Jahre beobachtet haben will. Dabei ist die kleine Ortschaft, die als Zentrum für das "rote Herz" Australiens auf fast jeder Landkarte eingezeichnet ist, doch noch heute ein eher verschlafener Flecken. Mit einigen Rucksacktouristen, viel Sonne und einigen fast alternativ anmutenden Cafés, wo man die langsam verdämmernden Stunden bei Cappuccino und chocolate cake verbringen kann. Ankömmlinge aus dem metropolitanen Sydney müssen erst einmal die innere Uhr umstellen, um sich der Ruhe und Behäbigkeit des Städtchens anzupassen.

Spuren von Chatwin? Fehlanzeige. Selbst der Taxifahrer vom Flughafen, seit 15 Jahren im Geschäft, hatte den Namen noch nie gehört. Doch halt - ganz zuletzt lässt sich doch noch eine beredte Zeugin von Chatwins Studienaufenthalt in Alice Springs auftreiben: eine freundliche alte Dame, stilecht britisch gekleidet, die die praktische und zupackende Lebensart eines Menschen, der lange "im Busch" verbracht hat, wie die Australier sagen, mit dem seriösen Auftreten einer Buchhändlerin verbindet. Irgendwo musste er schließlich sein, der real existierende Buchladen, den Chatwin in seinem Welterfolg Traumpfade beschreibt. "Ja, ich bin die Mrs Lacey aus dem Buch", strahlt die alte Dame, die weit über 80 ist. "Allerdings heiße ich in Wirklichkeit Mrs Harvey." Sie ist die Chefin des Aranta Arts and Bookshop, nur 20 Schritte vom Tourismusbüro entfernt. Doch wer ihren Laden betritt, der betritt eine andere Welt - eine Welt, die dank Chatwin selbst Literatur geworden ist.

"Bruce kam fast jeden Tag hierher - zusammen mit Salman Rushdie, mit dem er Zentralaustralien bereiste", erzählt Mrs Harvey. "Die beiden sprachen oft meine Kunden an und auch die Aborigines, die zu mir kommen und ihre Bilder verkaufen." Schließlich ist der Bookshop, der im Umkreis von 1500 Kilometern die beste Literatur zu Natur und Kulturgeschichte der Region versammelt, zugleich auch eine Galerie. "Hier knüpften Bruce und Salman ihre Kontakte. Später zogen sie dann mit einem Mann der Eisenbahngesellschaft herum, der für den Land Council geplante Zugstrecken vermaß und dafür sorgte, dass möglichst keine der heiligen Stätten der Aborigines von den Gleisen durchschnitten wurde."

Der Mann kommt ebenfalls bei Chatwin vor und heißt in dem Buch Arkady. "Sehen Sie, ich kann ganz gut verstehen, warum die Menschen in Alice Chatwin nicht mögen", sagt Mrs Harvey. "Obwohl er natürlich blendend aussah und eine faszinierende Figur abgab. Aber er schrieb über die Aborigines Dinge, über die man in jener Zeit einfach noch nicht sprach. Denken Sie an den Rassismus, die Verachtung, den Hass auf die schwarzen first Australians." Es sei ja noch nicht lange her, dass den Aborigines ihre Kinder weggenommen und sie auf weiße Farmen und in Erziehungsheime gesteckt wurden, weil "ihre Kultur keine Zukunft" hätte. Und Anfang des Jahrhunderts galten Aborigines in vielen Gegenden noch als Freiwild: Weiße Farmer vergifteten ihre Brunnen und setzten sogar ein Kopfgeld aus.

Bei Chatwin erscheinen die Aborigines als Menschen mit Rechten und mit einer positiven, der weißen sogar überlegenen Kultur. Hier gelten sie nicht als Arbeitslose und Säufer, als die sie so vielen weißen Australiern bis heute erscheinen. Mrs Harvey wirft einen Blick durch das Fenster auf die kleine Wiese, wo sich müßiggängerische schwarze Männer ihre nackten Beine von der Sonne bescheinen lassen. "Aber dass diese Menschen auch Rechte haben, dass sie Anspruch darauf haben, ernst genommen zu werden - das war in den achtziger Jahren, als Bruce Chatwin hierher kam, für die meisten weißen Australier noch überhaupt kein Thema." Heute wirbt die australische Tourismusbehörde mit der Kultur der Aborigines, der wohl ältesten Kultur der Menschheit. Aborigines-Gemälde erzielen auf Auktionen in Europa und New York Spitzenpreise. Und wenn die Olympiade nach Sydney kommt, werden viele Touristen unbedingt einen Blick auf die viel gepriesene Kultur der Aborigines werfen wollen, was im rein weißen Sydney so gut wie unmöglich ist.