Jeden ersten und dritten Mittwoch treffen sich im S-Bahnhof Tiergarten ein paar tausend Rollerblader zum gemeinsamen Rollschuhlaufen durch Berlin: tätowierte Jungs in kurzen Hosen, bauchnabelgepiercte Mädchen mit überlangen Beinen (auf Rollerblades steht man zehn Zentimeter höher). Alle sind sehr bunt angezogen und sehen aus, als hätte sie eine Menge Spaß. Die "Bladenight" ist die Prozession einer Bewegung, die zwar nicht die Gesellschaft, aber immerhin die Straßenverkehrsordnung revolutionieren will. Manchmal wird ein Trillerpfeifenkonzert angestimmt, oder die Hände werden wie bei La Ola in die Luft gestreckt. Manche Teilnehmer schließen Ketten quer über die Straße, andere finden sich zu einer Art Polonaise zusammen, fehlt nur noch Jürgen Möllemann: Der ist ja schließlich auch für Tempo, und um Tempo geht es hier.

Wenn die Teilnehmerzahl des Abends verkündet wird - heute sind es 45 000 trotz des bedrohlich-dunklen Gewitterhimmels - kann man gleich noch ein weiteres Gesellschaftsphänomen beobachten: die Masse bejubelt, dass sie eine Masse ist. Sie schreien und pfeifen.

Der Mann, der das alles zu verantworten hat, heißt Jan-Philip Sexauer, 33, Anwalt für Zivilrecht von Beruf. Als er 1998 aus den USA zurückkam, wo er studiert hatte, stellte er fest, dass Rollerblades in Deutschland anders als in Amerika nicht als Verkehrmittel akzeptiert werden: "Ich kam aus New York, da konnte ich auf den Straßen fahren, in Berlin ging das auf einmal nicht mehr. Zum einen ist es verboten, zum anderen unglaublich unangenehm. Man hört hinter sich ein Auto und denkt jedes Mal: Hoffentlich ist der entspannt." Eigentlich will er ja nur das eine: "Ich möchte einfach abends die Möglichkeit haben, von Kreuzberg nach Mitte zu fahren, ein Bier zu trinken und wieder zurückzuskaten und nicht gezwungen sein, wenn ich kein Fahrrad habe, mit dem Auto zu fahren. Es gibt keinen Grund, Skater aus dem Verkehr herauszuhalten." Hört sich entspannt an, aber um das zu erreichen, fordert Anwalt Sexauer jetzt, dass Rollerblader zunächst in einem Modellversuch auf der Straße fahren dürfen, damit Rollerblades schießlich im autoverliebten Deutschland als gleichberechtigtes Verkehrsmittel anerkannt werden.

Es ist nicht so, dass Sexauer so besonders auf seine mittwöchliche Spaßgesellschaft steht. Das alles soll keine zweite schnellere Loveparade sein. Er hält nichts von Skatermode, auf der Bladenight mischt er sich unauffällig in Jeans und Sakko unter die Leute. "Das Sakko ist vom Flohmarkt und hat acht Mark gekostet", sagt er. Sonst entstehe ein falscher Eindruck nach dem Motto "Junger, smarter Anwalt macht da 'ne Demo".

Alles, was der Mann will, ist auf der Straße skaten, deshalb musste eine Massendemo her. Kaum aus New York zurück, meldete er seine Demo an, in jenem Sommer 1998 kamen 500. Ein Jahr später waren es 1000 Rollschuhfahrer. Und jetzt eben weit mehr als 40 000. Nicht dass ihn das so sonderlich aufregen würde: "Mein Ziel ist es ja nicht, mit 30 000 Leuten zu fahren. Ich würde am liebsten alleine fahren oder mit Freunden. Und wenn man unserer Forderung nach einem Modellversuch nachgeben würde, dann würden sich all die Leute nicht in zwei Stunden auf einer Strecke drängeln, sondern in 24 Stunden über die ganze Stadt verteilen."

Wenn man Sexauer in seiner Kanzlei am Berliner Savignyplatz besucht, sitzt einem kein Missionar gegenüber. Der Mann hat so gar nichts von den Autohassern oder den militanten Radfahrern, die einem in der S-Bahn ohne Entschuldigung die Fahrradreifen in die Hose rammen, weil sich Missionare des ökologisch korrekten Nahverkehrs nicht entschuldigen müssen. Nein, Sexauer sitzt also in seiner Kanzlei und sagt Sätze wie diesen: "Meine Prämisse ist: Rollerblades sind ein neues Nahverkehrsmittel. Wenn man nun vom Grundsatz der Gleichbehandlung ausgeht, dürfen Unterschiede nur gemacht werden, wenn sie zu rechtfertigen sind. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass Autos auf allen Straßen fahren dürfen und Skater auf keiner." Das klingt für den Laien etwas juristisch und hölzern, aber der Mann ist schließlich Anwalt und geht das Problem eben zunächst mal von dieser Seite an. Das hat den Vorteil, dass man sich nicht gleich die gesamte Gesellschaftsordnung zum Gegner machen muss, sondern sich auf die Straßenverkehrsordnung beschränken kann, genauer auf die Paragrafen 2, 24 und 31.Darin ist geregelt, was als Fahrzeug zu gelten hat und was nicht - und Rollerblades gelten "nach herrschender Meinung" - so drücken das Juristen aus - eben nicht als Fahrzeuge, sondern als "ähnliche Fortbewegungsmittel". Was zur Konsequenz hat, dass sie juristisch wie "Schiebe- und Greifrollstühle, Rodelschlitten, Kinderwagen, Roller, Kinderfahrräder" (§24) oder aber als "Sportgeräte" (§31) zu behandeln sind. Das klingt dann gar nicht mehr nach Spaßgesellschaft, sondern nach Krankheit oder Turnunterricht.

Beide Einstufungen haben die gleiche Konsequenz: ab auf den Bürgersteig. Sexauer ist da anderer Meinung, das treibt ihn an. Für ihn ist das alles juristisch nicht zu halten, und deshalb, nur deshalb ist er fast ein wenig unfreiwillig zum Anführer des fahrenden Volkes geworden, das sich da jeden zweiten Mittwoch zum kollektivierten Spaß trifft. Dem Mann geht es nicht um irgendein Lebensgefühl, sondern ums Prinzip. "Ich bin kein leidenschaftlicher Skater, ich bin auch kein guter Skater. Natürlich gehören alle Freiheiten, die man sich nimmt, und alle Rechte, die man hat, zum Lebensgefühl. Je mehr man in seinen Rechten eingeschränkt wird, umso mehr wird auch das Lebensgefühl beeinträchtigt." In solchen Momenten möchte man Sexauer danken dafür, dass er nicht diesen ganzen Fit-for-Fun und Spaßterror reproduziert, sondern klare, nüchterne Sätze formulieren kann.