Dies ist die Geschichte eines Streits unter Männern. Die Akteure sind bayerische Staatsanwälte. Und sie sind, jedenfalls mehrheitlich, auch Parteifreunde, Mitglieder der CSU. Gemeinsam sollten sie einen der politisch brisantesten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte auf den Weg bringen: das Verfahren 501 Js 12135/95 wegen Steuerhinterziehung gegen Schreiber, Kiep und andere, aus dem im vergangenen Herbst die CDU-Spendenaffäre entstand. Doch von Anfang an belauerten und verdächtigten die Ankläger nicht nur die Beschuldigten, sondern auch einander, die Kollegen, Vorgesetzten und Untergebenen bei der Staatsanwaltschaft Augsburg und ihrer Aufsichtsbehörde, der Generalstaatsanwaltschaft in München - und das sehr wahrscheinlich zu Recht.

Am Ende standen mehr als 2200 Blatt Papier, nicht das Ergebnis der Ermittlungen, sondern so genannte Handakten: Anfragen, Weisungen, Vermerke, Gesprächsnotizen - das penible Protokoll eines Konfliktes innerhalb der Staatsanwaltschaft. Vordergründig ging es um ermittlungstaktische Fragen. In Wahrheit lautete die entscheidende Frage: Können Staatsanwälte im CSU-Land Bayern gegen prominente Mitglieder der Union mit besten Verbindungen zur Landes- und zur alten Bundesregierung unabhängig ermitteln? Die Antwort muss wohl lauten: Ja, sie können - wenn sie bereit sind, gegen ihre Vorgesetzten zu konspirieren, Weisungen und Dienstrecht zu missachten und ihre Karrierechancen der Wahrheitsfindung zu opfern.

15. November 1995 - ein Tag, der in die Geschichte der CDU-Spendenaffäre eingehen wird. Der Augsburger Staatsanwalt Klaus Weigant liest an diesem Tag einen Zeitungsbericht aus Kanada: Ein gewisser Karl Heinz Schreiber wird dort beschuldigt, im Dienste des Airbus-Konzerns kanadische Politiker bestochen zu haben. Bis dahin war Schreiber für Weigant lediglich der Hauptverdächtige in einem Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Betrugs, außerdem ein bekannter Spezi des verstorbenen CSU-Chefs und Airbus-Aufsichtsratsvorsitzenden Franz Josef Strauß. Der umtriebige Geschäftsmann sollte Provisionen für den Verkauf von Airbus-Flugzeugen nach Kanada und Thailand nicht versteuert haben.

Nun also ein neuer Verdacht: Bestechung von Politikern. Ein solcher Vorwurf hätte Weigants Allerweltsermittlung wegen Steuerhinterziehung schlagartig in den Rang eines spektakulären und mit Hochdruck zu betreibenden Großverfahrens erhoben. Und der Verdacht schien nicht abwegig, nicht nur wegen des Berichtes aus Kanada - immerhin war der Augsburger Staatsanwalt im Zuge der Schreiber-Ermittlung bereits auf ein dubioses Waffengeschäft und auf den Namen eines möglichen Schmiergeldempfängers gestoßen: Holger Pfahls, vormals Staatssekretär im Verteidigungsministerium, davor Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz.

Heute wird nach Pfahls weltweit gefahndet, aber das kann Staatsanwalt Weigant damals, im November 1995, natürlich nicht wissen. Was soll er tun? Soll er nun auch wegen des Verdachts der Bestechung oder der Bestechlichkeit ermitteln? Weigant, als Gruppenleiter der Augsburger Staatsanwaltschaft ein überaus erfahrener Ermittler, wagt es nicht, diese Entscheidung allein zu treffen. Er ruft seinen Vorgesetzten an, Oberstaatsanwalt Walter von der Generalstaatsanwaltschaft in München, die direkt dem bayerischen Justizminister untersteht.

Inzwischen weiß in Deutschland jeder Zeitungsleser, dass der Geschäftsmann Karl Heinz Schreiber nicht nur Geschäfte für den Airbus-Konzern einfädelte. Im Dienste deutscher Großunternehmen tätigte er als politischer Landschaftspfleger "nützliche Ausgaben" und ließ dabei unter anderem dem CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep eine Million Mark in bar zukommen.

Als der Spendenskandal im vergangenen Herbst ruchbar wurde, lautete eine häufig gestellte Frage, wieso das Geschäftsgebaren der Schwarzgeld-Partei nicht schon viel früher ans Licht gekommen war. Ein Teil der Antwort findet sich in den Handakten des Schreiber-Verfahrens. Er habe, notiert Staatsanwalt Weigant an jenem 15. November vor viereinhalb Jahren, mit "Oberstaatsanwalt Dr. Walter telefonisch Besprechung genommen; auf die Frage, ob somit bereits jetzt die Ermittlungen auch auf Bestechlichkeit ... auszuweiten seien, antwortete er: ,Nein'."