War es ein "Attentat", ein "Akt der journalistischen Sabotage"? So jedenfalls nannte der Chefredakteur des SZ-Magazins, Christian Kämmerling, die Arbeitsweise seines einstigen Mitarbeiters Tom Kummer, als sich die Vorwürfe von Focus erhärteten, der habe seine Interviews mit Brad Pitt, Sharon Stone und anderen Stars gefälscht. War Tom Kummer eine Art publizistisches Computervirus, vor dem sich niemand schützen konnte? Das Äquivalent eines durch menschliches Versagen verursachten Betriebsunfalls, vor dem kein ambitioniertes Blatt sicher sein kann?

Man kann es auch anders sehen: Kummer war die perfekte publizistische Droge der neunziger Jahre. Seine Interviews waren das Markenzeichen und zugleich das Produkt eines Magazinjournalismus, dem es darum ging, anspruchsvolle Reflexion und populäre, alltägliche Themen miteinander zu verknüpfen. Mit den Titelstorys suggerierte das SZ-Magazin, es könne sich mühelos und leichtfüßig dort bewegen, wo die Filmpresse, die Illustrierten und die Yellow Press außen vor bleiben. Auch das ZEITmagazin brachte vier Kummer-Interviews, mit Johnny Depp, David Lettermann, David Hockney und John McEnroe, die vom Magazin des Züricher Tages-Anzeigers übernommen worden waren. Sie sind von Kummer zumindest stark bearbeitet worden, am deutlichsten das Gespräch mit Johnny Depp.

Später muss er den Prozess der Erkenntnis von der Mühsal solcher Treffen befreit haben. Aber auch bei Tempo gibt es Probleme mit Kummer, etwa als er eine Reportage abliefert, die zuvor schon einmal von Richard Ford geschrieben worden war. 1993 zieht Kummer nach Los Angeles. Mit einem seiner ersten Texte über die dortigen Exilschweizer für das Magazin des Tages-Anzeigers macht er sich einen Namen. Keinen guten: Er beschreibt sie als eine unsympathische, koksende Truppe. Den Text bebildert er unter anderem mit dem Foto eines Freundes, des Fotografen Amedeo Bühler, und eines weiteren Schweizers. In der Bildunterzeile nennt er sie das schwule Pärchen Jean Marie und François, das "ein trendiges Coffeehouse in West Hollywood" betreibt. Bühler, stolzer Familienvater, kocht und jagt Kummer mit der Axt aus dem Fotostudio. Es folgen Texte für Sports, Geo Saison, die Weltwoche. Nicht zu beanstanden: Ein Juliette-Lewis-Porträt und einen Bericht über den O.J.-Simpson-Fall schreibt er vor dem Fernseher sitzend - und gibt es zu. Die Texte sind gut geschrieben, überzeugen durch eine bestechende Szenekenntnis, doch es ist kaum etwas Spektakuläres dabei.

Dann widmet sich Kummer jenem Genre, von dem er sich auf jeden Fall hätte fernhalten müssen, dem Interview. Mit Pamela Anderson geht es 1996 los. Mit ihr redet Kummer über die Lektüre von William Gibsons Neuromancer und, völlig untypisch für Hollywood-Interviews, ausführlich über die Konkurrenz, über Isabella Rossellini, Anna Nicole Smith und Madonna. Wer je Pamela Anderson interviewt hat, wie Nikolas Marten, Ex -Playboy- Chefredakteur, traut bei der Lektüre seinen Augen nicht. Bei einer Blattkritik des SZ-Magazins vor der versammelten Redaktion im Herbst 1997 äußert er seine Bedenken bezüglich der mittlerweile häufiger erscheinenden Kummer-Interviews. Kämmerling erinnert sich zwar an die Martensche Blattkritik, aber seine Warnungen hat er nicht ernst genommen: "Bei allen brisanten Interviews kommt doch Skepsis auf."

Genauere Lektüren ergeben, dass Kummer seine Texte mit geradezu grotesker Deutlichkeit als Fälschungen ausgewiesen hat. Ein wenig philologische Aufmerksamkeit genügt völlig, um die Kummersche Collagetechnik zu erkennen. Im Februar 1997 erscheint im SZ-Magazin ein Interview mit Courtney Love. Auf die Frage "Worum geht es bei Ihren Songs?" antwortet sie: "Desillusionierung. Das ist mein Hauptprogramm. Freudloser Sex und komplizierte Seelenwanderungen. Das gehört zum Nebenprogramm." Offenbar hat sich Love gründlich vorbereitet und ein Porträt studiert, das zwei Jahre zuvor in der Zürcher Weltwoche erschien, Autor: Tom Kummer. Darin schreibt er von "einem haufen wilder Weiber in einer Band, die von Desillusionierung, freudlosem Sex und komplizierten Seelenwanderungen erzählen". Auf eine andere Frage antwortet Love: "Ich spiele mit meinen Brüsten, um so eine Art Ekel zu demonstrieren, nicht um zu protzen. Ich verwandle mich dann einfach zur Stimme aller gequälten Seelen dieser Welt." 1995 schrieb Kummer: "Sie spielt nicht mit ihren Brüsten, um zu protzen, sondern um Ekel zu demonstrieren. Sie will die Stimme aller gequälten Seelen dieser Welt verkörpern."

Es gibt noch weitere Stellen, an denen die Methode klar wird. Ein solides Porträt wird erst dann zu einem journalistischen Event, zu einer Coverstory, wenn ihm eine ganz bestimmte Qualität zugefügt wird: Authentizität. Und Kummer versteht es, Authentizität zu suggerieren. Immer ist es der Interviewer, der die Stars drängt, nun auf den Film zu sprechen zu kommen, der ihnen vorhält, sie hätten sich bislang immer geweigert, über ihr Privatleben zu sprechen, warum jetzt? Dabei setzt er gleichsam Wasserzeichen. Dennis Rodman gesteht ihm 1996: "Ich wollte Gitarrist werden - wie jeder vernünftige Mensch." Ein Jahr später ist es Johnny Depp: "Ich wollte Rockstar werden - wie jedes vernünftige Kind."

In Hollywood wird Kummer kaum je auf Partys oder Presseterminen gesehen. Brigitte Steinmetz und Richard Pleuger, beide seit Jahren in L.A. für deutsche Magazine tätig, haben ihn überhaupt nur ein- oder zweimal gesehen. Aber wir Leser wissen, warum das so sein muss. In Kummer-Interviews empfiehlt Danny de Vito wie auch Robert Redford, sich vor all jenen Journalisten in Acht zu nehmen, die sich in der Society Hollywoods tummeln: "Die besten Journalisten arbeiten in totaler Isolation." Ja, Stars laden sogar dazu ein, sie überhaupt nicht zu treffen. Brad Pitt: "Ich will, dass man mich versteht. Aber nicht unbedingt, dass man mich kennenlernt." Oder, noch schlichter, Snoop Doggy Dog: "Die Wirklichkeit interessiert mich nicht. Ich inszeniere meine Wirklichkeit und meinen Stil aufgrund von Erfahrungen, wie ein Schriftsteller." Kummer-Interviews sind im Wesentlichen Gespräche Kummers mit sich selbst.