Mehr als hundert Jahre nach dem Tod Otto von Bismarcks ist der Gründer des ersten deutschen Nationalstaats noch immer eine Reizfigur, an der sich die Geister scheiden. Kürzlich erneuerte der Dramatiker Rolf Hochhuth seinen Vorschlag, das Bismarck-Denkmal von Reinhold Begas wieder an seinem alten Standort vor dem Reichstag aufzustellen, und erntete dafür böse Kommentare.

Der notorische Parlamentsverächter als Schirmherr der Volksvertretung in der Berliner Republik - ein tolles Bubenstück.

Bei der Otto-von-Bismarck-Stiftung ist man über den Vorstoß Hochhuths alles andere als begeistert. "Unsinnig" nennt ihn Michael Epkenhans, der Geschäftsführer der Stiftung. Der promovierte Historiker residiert mit seinen Mitarbeitern seit Herbst vergangenen Jahres im frisch restaurierten Bahnhof von Friedrichsruh - dort, wo einst hohe Würdenträger aus der ganzen Welt dem Salonwagen entstiegen, um dem Reichskanzler ihre Aufwartung zu machen.

Im Erdgeschoss wird noch letzte Hand angelegt an die Dauerausstellung Otto von Bismarck und seine Zeit. Im ersten Stock erwartet den Besucher eine Bibliothek mit viereinhalbtausend Bänden. Und stolz präsentiert Epkenhans das Allerheiligste, den Nachlass des Reichsgründers, der erst vor wenigen Tagen aus dem Koblenzer Bundesarchiv zurückgekommen ist - eine Fundgrube für Historiker.

Mit der offiziellen Eröffnung der Otto-von-Bismarck-Stiftung am Freitag dieser Woche endet nicht nur ein mehrjähriges Provisorium

zugleich wird ein Schlussstrich gezogen unter einen unerquicklichen Streit über Sinn und Zweck des Unternehmens. Die Pläne, zur Pflege des Bismarck-Erbes eine Stiftung einzurichten, reichen zurück bis in die achtziger Jahre. Doch erst 1994 wurde die Stiftung durch einen Erlass des damaligen Innenministers Manfred Kanther gegründet, zunächst als "unselbstständige Stiftung des bürgerlichen Rechts".

Beim Versuch, sie in eine selbstständige Bundesstiftung umzuwandeln, regte sich Widerstand bei SPD und Grünen: In der Reihe der demokratischen Politiker, die bislang auf diese Weise geehrt werden (Friedrich Ebert, Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Willy Brandt), sei ein "ausgewiesener Monarchist und Antidemokrat" wie Bismarck fehl am Platze. Vor "Nationaltümelei" wurde gewarnt und davor, dass Friedrichsruh, wie schon einmal nach der Entlassung des Reichskanzlers 1890, zu einem "Wallfahrtsort der Rechten" werden könne.

Im Juni 1996 erzwang die Opposition eine Vertagung der Entscheidung im Bundestag

doch ein Jahr später stimmte eine Mehrheit von Union und FDP der Gesetzesvorlage zu. "Bismarck geht stiften", höhnte Johannes Willms, einer der entschiedensten Gegner des Projekts, in der Süddeutschen Zeitung.

Mittlerweile hat sich die Aufregung gelegt. In Friedrichsruh hat man einiges getan, um dem Verdacht zu begegnen, hier solle Bismarck zur nationalen Leitfigur aufgebaut und ein konservativer Think Tank in Sachen Geschichtspolitik geschaffen werden. Von den Aktivitäten des Bismarckbundes, eines rechtslastigen Traditionsvereins, grenzt sich die Stiftung unmissverständlich ab. Fürst Ferdinand von Bismarck, der aus seiner Bewunderung für seinen Urgroßvater nie einen Hehl gemacht hat, ist zwar Mitglied des Kuratoriums. Doch die entscheidende Rolle spielen hier zwei ehemalige Bundesminister: Gerhard Stoltenberg (CDU) als Vorsitzender und Hans Matthöfer (SPD) als sein Stellvertreter.

Der eigentliche Motor der Stiftung aber ist der hochkarätig besetzte wissenschaftliche Beirat. Er vereinigt herausragende Kenner Bismarcks und seiner Epoche, über alle parteipolitischen Grenzen hinweg: Lothar Gall, Klaus Hildebrand, Eberhard Kolb, Dieter Langewiesche, Elisabeth Fehrenbach. Dass mit Konrad Canis auch ein ehemaliger DDR-Historiker aufgenommen wurde, ist ein weiteres Zeichen der Offenheit. Zu ihnen gesellen sich der frühere Präsident des Bundesarchivs Friedrich Kahlenberg und der ehemalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Werner Knopp, ferner zwei prominente Vertreter aus dem Ausland: der Amerikaner Henry Kissinger und der Franzose Joseph Rovan.

Als Glücksgriff hat sich die Wahl des Geschäftsführers erwiesen. Michael Epkenhans, zuvor bei der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg tätig, ist nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler, sondern auch ein einfallsreicher Administrator. Ihn habe, sagt er, die Möglichkeit gereizt, eine Institution mit aufzubauen, in der Wissenschaft und politisch-historische Bildung eng miteinander verbunden werden können. Neben Tagungen für Spezialisten veranstaltet die Stiftung regelmäßig Seminare und Vorträge für ein größeres Publikum - Geschichtslehrer, Studenten, Schüler.

Wichtigstes Forschungsprojekt ist die Neuherausgabe der Gesammelten Werke Bismarcks, der "Friedrichsruher Ausgabe" (15 in 19 Bänden, 1924-1935). Dabei sollen nicht nur die Lücken, besonders für die Zeit nach 1871, geschlossen, sondern auch die Passagen nachgetragen werden, welche die damaligen Herausgeber unterschlagen haben. Die erste Edition gilt dem Briefwechsel zwischen Bismarck und seinen Söhnen Herbert und Wilhelm ("Bill"), der viele noch gänzlich unbekannte Dokumente enthalten wird. Überhaupt versprechen sich die Initiatoren kräftige Impulse für die Historiografie nicht nur zu Bismarck, sondern zur Geschichte des Kaiserreichs insgesamt. Vieles ist hier noch zu erforschen, etwa die Rezeption des Bismarck-Mythos in den Jahrzehnten nach seinem Tode 1898 oder die Frage nach den Kontinuitäten zwischen Bismarck-Zeit und Wilhelminischer Ära.

Alles spricht dafür, dass die Otto-von-Bismarck-Stiftung keine Enklave muffiger Traditionspflege, sondern ein Ort lebendiger Auseinandersetzung mit einer der wirkungsmächtigsten Figuren der deutschen Geschichte wird. Dies ist wohl der Grund, warum nun auch die rot-grüne Bundesregierung das Projekt zu ihrem eigenen gemacht hat. Bei der feierlichen Eröffnung wird Kulturstaatsminister Michael Naumann das noch einmal bekräftigen.