Vergessen wir die 50-Stunden-Woche. Niemand will, dass alle wieder zehn Stunden am Tag arbeiten, auch nicht DGB-Chef Dieter Schulte. Wenn nun manche Gewerkschafter dessen Äußerungen gezielt missverstehen, um sich sodann darüber empören zu können, setzen sie sich dem Verdacht aus, genau jene Debatte verhindern zu wollen, die sie so bitter nötig haben.

Die hat es allerdings in sich. Es geht nicht allein um die Modernisierung der Tarifverträge, sondern um das Selbstverständnis der Gewerkschaften. Über Jahrzehnte ist es ihnen mit einigem Erfolg gelungen, die Wirklichkeit zu normieren - durchaus zum Nutzen ihrer Schutzbefohlenen. Doch heute emanzipiert sich die Realität immer mehr von diesen Normierungsversuchen, und das nicht nur wegen der Ausbeutungstendenzen des entwickelten Kapitalismus, sondern auch weil sich die Wünsche der Menschen wandeln.

Nur mehr Heiterkeit lösen traditionelle Gewerkschafter mit ihren restriktiven Arbeitszeitregimes bei den Adressaten in den Unternehmen der IT-Branchen und bei vielen anderen Kopfarbeitern aus. Nicht allein, dass Denkfabriken andere Produktionszyklen haben als Fließbänder und Gehirne andere Laufzeiten als Maschinen. Arbeit wird nicht mehr nur als Fron empfunden, die es um jeden Preis zu lindern gilt. Die Leute wollen arbeiten, auch wenn es der Beschlusslage der Gewerkschaften widerspricht. Wenn die noch etwas zu melden haben wollen, müssen sie sich diesen Wünschen stellen

viele Funktionäre haben das ja auch begriffen. Es geht zudem längst nicht mehr darum, ob sie gestatten mögen, dass der eine oder andere 50 Stunden und mehr arbeitet, sondern darum, ob sie noch irgendeinen Einfluss auf das haben, was ohnehin geschieht.

Und den sollen sie ja ruhig haben. Auch der moderne Kopfarbeiter hat Interessen, die vertreten sein wollen. Wer mit 25 keinen Feierabend kennt, will womöglich mit 55 kürzer treten. Wer sieben Tage die Woche arbeitet, möchte vielleicht einmal drei Monate ganz aussteigen. Dabei, das zeigen schon heute Beispiele, könnten Gewerkschaften und Tarifverträge neuen Typs helfen.

Wenn es sie denn auch künftig noch gibt. Das viel gescholtene Tarifkartell ist in vielen Bereichen keines mehr. Die Teilnahme ist freiwillig, seine Regeln müssen attraktiv sein, für Unternehmen wie Beschäftigte. Wie das gelingen kann, darüber müssen die Gewerkschaften streiten. Es könnte ihr letztes Gefecht sein.